Der Träumer

Bruno Wille

1928

Ich war ein Kind, mit großen Kinderaugen, Die nur zu träumerischem Schauen, Nicht zum Berechnen und zum schlauen Erwerben taugen; In dumpfen Stuben bangte mir, ich scheute Gespräche nüchtern kluger Leute Und stahl mich fort mit stiller Wonne Zu Blumen, Gras und Sonne.

Dort sog ich Luft wie ein Befreiter, lauschte Den Bienen, Grillen, schwankendem Gesträuch, Das wogengleich im weichen Winde rauschte; Mit Staunen und Entzücken schaute Mein Aug′ empor zu ihm, der tief und weithin blaute; Und der bethörte Träumersinn Schwamm mit dem wunderbaren, Wie Schneegebirge klaren Gewölke sanft dahin.

So wuchs ich auf; und allezeit getreu Blieb meinem Aug das träumerische Schauen. Doch ich bedachte nie: Der Schatz der Auen Sind nicht die bunten Blumen, sondern Heu; Was blau und rot im Ährenfelde blüht, Ist nicht dem Bauch des Erntesackes hold; Und eines Dichters träumereich Gemüt Trägt wenig Körnchen irdisch Gold. –

Nun stehn die Äcker braun und stopplig nackt, Geschorne Wiesen werden bleich und bleicher, Und mir zum Spotte tanzt im fremden Speicher Der plumpe Flegel trocknen Erntetakt. Am Dornstrauch sitz′ ich, trübe wie der Himmel; Verwelkte Blätter zerrt ein rauher Wind, Scheucht mürrisch fort das raschelnde Gewimmel; Und träumend starr′ ich nach … ich dummes großes Kind!

Der Winter kommt; ich werde frieren, darben Und wie die arme Maus im Stoppelwald Mich nähren von dem Abfall fremder Garben; Vielleicht auch sterb′ ich bald … Mag sein! Doch schließ′ ich ohne Reue Und segne dankbar meinen Träumerblick; Er ließ mich lieben Flur und Himmelsbläue, Und diese Liebe war mein Lebensglück.

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Illustration zu Der Träumer

Interpretation

Das Gedicht "Der Träumer" von Bruno Wille handelt von einem Menschen, der sein Leben lang ein Träumer geblieben ist. Der Sprecher beschreibt seine Kindheit, in der er sich eher für die Natur und das Träumen interessierte als für die nüchternen Gespräche der Erwachsenen. Er fühlte sich in der Natur frei und genoss die Schönheit von Blumen, Gras und Sonne. Im zweiten Teil des Gedichts reflektiert der Sprecher über sein Leben als Erwachsener. Er erkennt, dass seine Träumerei ihm nicht geholfen hat, materiell erfolgreich zu sein. Während andere Menschen die Äcker bestellen und die Ernte einbringen, sitzt er am Dornstrauch und träumt vor sich hin. Er fühlt sich wie ein Versager und fragt sich, ob er nicht ein "dummes großes Kind" ist. Im letzten Teil des Gedichts akzeptiert der Sprecher sein Schicksal als Träumer. Er weiß, dass er im Winter leiden wird, aber er bereut seine Träumerei nicht. Er ist dankbar für die Liebe zur Natur und zum Himmel, die ihm sein Leben lang Freude bereitet hat. Für ihn war diese Liebe sein größtes Glück im Leben.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Nicht zum Berechnen und zum schlauen
Bildsprache
Er ließ mich lieben Flur und Himmelsbläue
Hyperbel
Und der bethörte Träumersinn
Kontrast
Sind nicht die bunten Blumen, sondern Heu
Metapher
Und diese Liebe war mein Lebensglück
Onomatopoesie
Den Bienen, Grillen, schwankendem Gesträuch
Personifikation
Verwelkte Blätter zerrt ein rauher Wind
Vergleich
Und wie die arme Maus im Stoppelwald