Der Töneschichter

Gerrit Engelke

1921

Er saß im Urgebraus am Chaosmeer Zur Nacht, zur Nacht, Sein Auge war von allen Dingen schwer: Voll Zeugungsnacht – Da warf er seinen Becher in die Flut, Die Flut war schwarz und tief und tief, Er hob ihn wieder: voll von rotem Blut Und trank und warf ihn wieder tief – Er trank sich voll und übervoll Bis ihm die Seele überschwoll: Da strömte wild aus seiner Kehle Ein Flutgesang: Von Erd- und Leibespracht, Von Mensch- und Welten-Zeugungsnacht, Vom Hirn und von der großen Liebesseele –

Dann kam die allertiefste Nacht Und schwer der All-Schlaf.

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Interpretation

Das Gedicht "Der Töneschichter" von Gerrit Engelke handelt von einem Schöpfer am Rande des Chaos, der in der Nacht versucht, die Welt durch Klang und Sprache zu gestalten. Der Dichter selbst wird als dieser Schöpfer dargestellt, der aus der Tiefe des Unbewussten schöpft, um die Welt in ihrer ganzen Fülle und Schönheit zu erfassen und auszudrücken. Die zentrale Metapher des Gedichts ist der Becher, der in die Flut geworfen und wieder aufgehoben wird. Dieser Becher symbolisiert den kreativen Prozess des Dichters, der in die Tiefe des Unbewussten eintaucht, um daraus die rohen Materialien für sein Werk zu gewinnen. Das rote Blut im Becher steht für die Lebenskraft und die Leidenschaft, die den kreativen Akt antreiben. Der Dichter trinkt aus diesem Becher, um sich mit der Kraft der Schöpfung zu füllen, und wirft ihn dann wieder in die Tiefe, um den Prozess zu wiederholen. Der Flutgesang, der aus der Kehle des Dichters strömt, ist das Ergebnis dieses kreativen Akts. Er umfasst die ganze Bandbreite des Lebens und der Schöpfung, von der Schönheit der Erde und des Leibes bis zur Zeugung von Mensch und Welt, vom Intellekt bis zur großen Liebesseele. Am Ende des Gedichts übermannt den Dichter jedoch die "allertiefste Nacht" und der "All-Schlaf", was darauf hindeutet, dass der kreative Prozess anstrengend und erschöpfend ist und dass der Dichter am Ende seiner Kräfte ist.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Zur Nacht, zur Nacht
Metapher
Dann kam die allertiefste Nacht Und schwer der All-Schlaf