Der Todesengel
1813′s gibt eine Sage, daß wenn plötzlich matt Unheimlich Schaudern einen übergleite, Daß dann ob seiner künft′gen Grabesstatt Der Todesengel schreite.
Ich hörte sie, und malte mir ein Bild Mit Trauerlocken, mondbeglänzter Stirne, So schaurig schön, wie′s wohl zuweilen quillt Im schwimmenden Gehirne.
In seiner Hand sah ich den Ebenstab Mit leisem Strich des Bettes Lage messen, - So weit das Haupt - so weit der Fuß - hinab! Verschüttet und vergessen!
Mich graute, doch ich sprach dem Grauen Hohn, Ich hielt das Bild in Reimes Netz gefangen, Und frevelnd wagt′ ich aus der Totenkron′ Ein Lorbeerblatt zu langen.
O, manche Stunde denk′ ich jetzt daran, Fühl′ ich mein Blut so matt und stockend schleichen, Schaut aus dem Spiegel mich ein Antlitz an - Ich mag es nicht vergleichen; -
Als ich zuerst dich auf dem Friedhof fand, Tiefsinnig um die Monumente streifend, Den schwarzen Ebenstab in deiner Hand Entlang die Hügel schleifend;
Als du das Auge hobst, so scharf und nah, Ein leises Schaudern plötzlich mich befangen, O wohl, wohl ist der Todesengel da Über mein Grab gegangen!
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Interpretation
Das Gedicht "Der Todesengel" von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt die Faszination und Furcht der lyrischen Ichs vor dem Todesengel, einer mythischen Figur, die über den zukünftigen Grabstätten schreitet. Die Dichterin imaginiert den Engel als eine schaurig-schöne Erscheinung mit Trauerlocken und mondbeglänzter Stirn. Sie malt sich aus, wie der Engel mit einem Ebenstab das Bett eines Sterbenden vermisst und so dessen Grab vorherbestimmt. Trotz ihrer Angst hält die Ichs das Bild in einem Gedicht fest und wagt es sogar, ein Lorbeerblatt aus der Totenkrone zu pflücken. In den folgenden Strophen reflektiert die Ichs über ihre eigene Sterblichkeit. Wenn sie sich matt und schlapp fühlt und ihr Spiegelbild sie erschreckt, denkt sie an den Todesengel. Die Begegnung mit einer geheimnisvollen Person auf dem Friedhof, die einen schwarzen Ebenstab entlang der Hügel schleift, bestätigt ihre Ahnungen. Das scharfe Auge dieser Person erfüllt sie mit Schaudern, und sie ist überzeugt, dass der Todesengel über ihr Grab gegangen ist. Das Gedicht vermittelt eine düstere Stimmung und thematisiert die Unausweichlichkeit des Todes.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schaurig schön
- Bildsprache
- Mondbeglänzte Stirne
- Kontrast
- Trauerlocken, mondbeglänzte Stirne
- Personifikation
- Das Grauen
- Symbolik
- Ebenstab