Der Todesengel

Jakob van Hoddis

unknown

Mit Trommelwirbeln geht der Hochzeitszug, In seidner Sänfte wird die Braut getragen, Durch rote Wolken weißer Rosse Flug, Die ungeduldig goldne Zäume nagen.

Der Todesengel harrt in Himmelshallen Als wüster Freier dieser zarten Braut. Und seine wilden, dunklen Haare fallen Die Stirn hinab, auf der der Morgen graut.

Die Augen weit, vor Mitleid glühend offen Wie trostlos starrend hin zu neuer Lust, Ein grauenvolles, nie versiegtes Hoffen, Ein Traum von Tagen, die er nie gewusst.

Er kommt aus einer Höhle, wo ein Knabe Ihn als Geliebte wunderzart umfing. Er flog durch seinen Traum als Schmetterling Und ließ ihn Meere sehn als Morgengabe.

Und Lüfte Indiens, wo an Fiebertagen Das greise Meer in gelbe Buchten rennt. Die Tempel, wo die Priester Zimbeln schlagen, Um Öfen tanzend, wo ein Mädchen brennt.

Sie schluchzt nur leise, denn der Schar Gesinge Zeigt ihr den Götzen, der auf Wolken thront Und Totenschädel trägt als Schenkelringe, Der Flammenqual mit schwarzen Küssen lohnt.

Betrunkne tanzen nackend zwischen Degen, Und einer stößt sich in die Brust und fällt. Und während blutig sich die Schenkel regen, Versinkt dem Knaben Tempel, Traum und Welt.

Dann flog er hin zu einem alten Manne Und kam ans Bett als grüner Papagei. Und krächzt das Lied: “O schmähliche Susanne!” Die längst vergessne Jugendlitanei.

Der stiert ihn an. Aus Augen glasig blöde Blitzt noch ein Strahl. Ein letztes böses Lächeln Zuckt um das zahnlose Maul. Des Zimmers Öde Erschüttert jäh ein lautes Todesröcheln.

Die Braut friert leise unterm leichten Kleide. Der Engel schweigt. Die Lüfte ziehn wie krank. Er stürzt auf seine Knie. Nun zittern beide. Vom Strahl der Liebe, der aus Himmeln drang. Posaunenschall und dunkler Donner lachen.

Ein Schleier überflog das Morgenrot. Als sie mit ihrer zärtlichen und schwachen Bewegung ihm den Mund zum Küssen bot.

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Illustration zu Der Todesengel

Interpretation

Das Gedicht "Der Todesengel" von Jakob van Hoddis erzählt in vier Teilen die Geschichte eines Todesengels, der als Freier einer Braut erscheint. Der Todesengel wird als eine Figur mit wilden, dunklen Haaren und mitleidvollen Augen beschrieben, die nach Liebe und Leben strebt, obwohl er selbst nie Freude erfahren hat. Im zweiten Teil erinnert sich der Todesengel an seine Begegnungen mit einem Knaben in einer Höhle, einem Schmetterlingstraum und den Tempeln Indiens. Dort erlebt er die Verehrung eines grausamen Gottes, der mit Totenschädeln geschmückt ist und Flammenqualen belohnt. In einer rituellen Zeremonie sticht sich ein Betrunkener in die Brust und stirbt, während die anderen nackt zwischen Schwertern tanzen. Diese Szene versinkt in der Erinnerung des Todesengels. Der dritte Teil handelt von der Begegnung des Todesengels mit einem alten Mann. Als grüner Papagei besucht er ihn im Bett und krächzt ein altes Lied über eine Frau namens Susanne. Der alte Mann starrt ihn an, ein letztes Lächeln umspielt seinen Mund, bevor er stirbt. Im vierten und letzten Teil findet die Begegnung des Todesengels mit der Braut statt. Beide frieren und zittern, als ein Strahl der Liebe vom Himmel herabfällt. Trompetenklang und Donner ertönen, als die Braut dem Todesengel ihren Mund zum Kuss anbietet. Das Gedicht endet mit der Verschmelzung von Leben und Tod, Liebe und Schmerz.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Der Todesengel

Stilmittel

Alliteration
Mit Trommelwirbeln geht der Hochzeitszug
Bildsprache
Und krächzt das Lied: 'O schmähliche Susanne!'
Hyperbel
Ein grauenvolles, nie versiegtes Hoffen
Kontrast
Der Engel schweigt. Die Lüfte ziehn wie krank
Metapher
Der Todesengel harrt in Himmelshallen Als wüster Freier dieser zarten Braut
Onomatopoesie
Posaunenschall und dunkler Donner lachen
Personifikation
Die ungeduldig goldne Zäume nagen
Symbolik
Der Todesengel
Synästhesie
Die längst vergessne Jugendlitanei
Vergleich
Die Augen weit, vor Mitleid glühend offen Wie trostlos starrend hin zu neuer Lust