Der Tod eines Freundes
1771Hat, neuer Himmelsbürger, sich Dein geistig Ohr nicht schon des Klagetons entwöhnet, Und kann ein banges Ach um dich, Das hier und da ein Freund bei stillen Tränen stöhnet, Dir unterm jauchzenden Empfangen Der bessern Freunde hörbar sein, So sei nicht für die Welt, mit unserm Schmerz zu prangen, Dies Lied: es sei für dich, für dich allein!
Wann war es, da auch dich noch junge Rosen zierten? (Doch nein, die Rosen ziertest du!) Da Freud′ und Unschuld dich, im Tal der Hoffnung, führten Dem Alter und der Tugend zu? Gesichert folgten wir: als schnell aus schlauen Hecken, Der Unerbittliche sich wies, Und dich, den Besten, uns zu schrecken, Nicht dich zu strafen, von uns riß.
Wie ein geliebtes Weib vom steilen Ufer blicket Dem Schiffe nach, das ihre Kron′ entreißt: Sie steht, ein Marmorbild, zu Stunden unverrücket; In Augen ist ihr ganzer Geist: So standen wir betäubt und angeheftet, Und sannen dir mit starren Sinnen nach, Bis sich der Schmerz durch Schmerz entkräftet, Und strömend durch die Augen brach.
Was weinen wir? Gleich einer Weibersage, Die im Entstehn schon halb vergessen ist, Flohst du dahin! – Geduld! noch wenig Tage, Und wenige dazu, so sind wir, was du bist. Ja, wenn der Himmel uns die Palme leicht erringen, Die Krone leicht ersiegen läßt, So werden wir, wie du, das Alter überspringen, Des Lebens unschmackhaften Rest.
Was wartet unser? – Ach! ein unbelohnter Schweiß, Im Joch des Amts bei reifen Jahren, Für andrer Wohl erschöpft, als unbrauchbarer Greis Hinunter in die Gruft zu fahren. Doch deiner wartet? – – Nein! was kannst du noch erwarten Im Schoß der vollen Seligkeit? Nur wir, auf blindes Glück, als Schiffer ohne Karten, Durchkreuzen ihn, den faulen Pfuhl der Zeit.
Vielleicht – noch ehe du dein Glücke wirst gewohnen, Noch ehe du es durchempfunden hast – Flieht einer von uns nach in die verklärten Zonen, Für dich ein alter Freund, und dort ein neuer Gast. Wen wird – verborgner Rat! – die nahe Reise treffen Aus unsrer jetzt noch frischen Schar? O Freunde, laßt euch nicht von süßer Hoffnung äffen! Zum Wachsamsein verbarg Gott die Gefahr.
Komm ihm, wer er auch sei, verklärter Geist, entgegen, Bis an das Tor der bessern Welt, Und führ′ ihn schnell, auf dir dann schon bekannten Wegen, Hin, wo die Huld Gerichte hält. Wo um der Weisheit Thron der Freundschaft Urbild schwebet, In seraphinschem Glanze schwebt, Verknüpft uns einst ein Band, ein Band von ihr gewebet; Zur ew′gen Dauer fest gewebt!
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Interpretation
Das Gedicht "Der Tod eines Freundes" von Gotthold Ephraim Lessing ist eine tiefgründige Reflexion über den Tod eines geliebten Freundes. Es beginnt mit einer Ansprache an den Verstorbenen, der nun ein "neuer Himmelsbürger" ist. Der Sprecher hofft, dass der Freund von den irdischen Klagen nichts mehr mitbekommt und dass das Gedicht nur für ihn allein bestimmt ist. Der Verlust wird als schmerzhaft und plötzlich dargestellt, wobei der Tod als ein "unerbittlicher" Dieb auftritt, der den Besten unter ihnen genommen hat. Die zweite Strophe beschreibt die Schockstarre und den Schmerz der Hinterbliebenen, die wie eine verlassene Frau am Ufer stehen und dem Schiff nachsehen, das ihre Kron' entrissen hat. Der Schmerz bricht schließlich in Tränen aus, doch der Sprecher ermutigt zur Geduld, da auch sie eines Tages sterben und in die gleiche Sphäre eingehen werden. Es wird die Hoffnung ausgedrückt, dass sie das Alter und den "unscheinbaren Rest" des Lebens überspringen können, wenn der Himmel ihnen den Weg erleichtert. Im letzten Teil des Gedichts reflektiert der Sprecher über das Schicksal der Überlebenden, die ein Leben voller Mühe und Enttäuschung erwarten. Im Gegensatz dazu steht der Verstorbene, der bereits in der "vollen Seligkeit" weilt. Es wird die Möglichkeit angedeutet, dass noch vor dem Verstorbenen ein anderer Freund sterben könnte, um sich ihm im Jenseits anzuschließen. Das Gedicht endet mit einem Aufruf, die Verstorbenen auf ihrem Weg in die "bessere Welt" zu begleiten und die Hoffnung auf eine ewige Verbindung durch Freundschaft und Weisheit auszudrücken.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Ein Band von ihr gewebet; / Zur ew′gen Dauer fest gewebt
- Personifikation
- Die Rosen ziertest du
- Vergleich
- Sie steht, ein Marmorbild, zu Stunden unverrücket