Der Tod des Buckligen

Max Kommerell

unknown

Der Bucklige, Der fünf gerade Söhne zeugte, Ging solang schief, Bis sein Rücken waagrecht lief Wie bei einem Ross. Aber aufrecht sprach Sein Gesicht, Das eisenfarbene, das klargeäugte, Mit dem Licht: Groß, heiter, Tief An Güte. Den Händen nach, Wenn er goss, Oder beim Mähen, Schien er ein Koloss.

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Der Kirschbaum vor dem Schuppen steht in Blüte. Sein Weib hält die Leiter. Er steigt, schaut. Zwei Krähen Flattern träge Aus dem weißen Versteck. Er lacht laut, Steigt, ist hinweg. Nur ein Rand noch Vom Holzschuh, nur die Hand noch Mit der Säge. Er ist blind Vor Weißem. Blüten, mehr Blüten neigen Sich über ihn im Takt Wehenden Geruchs Und mit dem Hauch Von etwas Schnellem, Heißem, Küssen ihn, haben Nie genug. Er ist ein Knabe, schön, nackt. Andere, auch schöne, auch nackte Knaben Werfen sich im Flug (Er sieht das zwischen Zweigen) Aus blauem Wind in blauen Wind. “Siehe, so! Versuch’s!” “Jetzt - Ich - Auch - Oh!…” Sie denkt: “Spricht er eigen!” Sie ruft. Ein Fall. Im Liegen Lächelt er, Als würf’ er eine Last ab. “Keine Leiter mehr! Ich kann fliegen. Säge wer Anderes den Ast ab!”

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Illustration zu Der Tod des Buckligen

Interpretation

Das Gedicht "Der Tod des Buckligen" von Max Kommerell erzählt die Geschichte eines Mannes, der trotz seiner körperlichen Missbildung, symbolisiert durch seinen Buckel, der sich wie bei einem Pferd horizontal verhält, eine tiefe innere Stärke und Güte besitzt. Sein Gesicht, eisenfarben und klaräugig, spricht aufrecht mit dem Licht, was seine geistige und moralische Aufrichtigkeit unterstreicht. In seinen Handlungen, wie beim Gießen oder Mähen, erscheint er als ein Koloss, was seine beeindruckende Präsenz und Kraft trotz seiner äußeren Erscheinung verdeutlicht. Der Kirschbaum vor dem Schuppen steht in voller Blüte, als der Bucklige mit seiner Frau die Leiter erklimmt, um die Äste zu beschneiden. Die Szene ist idyllisch, doch sie nimmt eine tragische Wendung, als er die Leiter hinaufsteigt und von den Blüten überwältigt wird. Die Blüten neigen sich zu ihm im Takt des wehenden Geruchs, küssen ihn und scheinen nie genug zu haben. In diesem Moment verliert er sich in der Schönheit der Natur und wird zum Knaben, schön und nackt, der sich in den blauen Wind wirft. Der Tod des Buckligen ist ein symbolischer Akt der Befreiung. Er fällt von der Leiter, lächelt im Liegen, als würde er eine Last abwerfen, und verkündet, dass er fliegen kann. Die Leiter, ein Symbol für seine körperliche Begrenzung, ist nicht mehr nötig. Er fordert andere auf, den Ast abzusägen, was seine endgültige Trennung von der irdischen Welt und seinen Aufstieg in eine höhere, freiere Existenz bedeutet.

Schlüsselwörter

leiter steigt säge blüten mehr wind bucklige fünf

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Zwei Krähen flattern träge
Beschleunigung
Jetzt - Ich - Auch - Oh!...
Bildsprache
Der Kirschbaum vor dem Schuppen steht in Blüte
Enjambement
Andere, auch schöne, auch nackte Knaben werfen sich im Flug
Hyperbel
Schien er ein Koloss
Ironie
Keine Leiter mehr! Ich kann fliegen.
Kontrast
Er ist blind vor Weißem
Metapher
Sein Rücken waagrecht lief wie bei einem Ross
Personifikation
Sein Gesicht, das eisenfarbene, das klargeäugte, mit dem Licht
Rhetorische Frage
Versuch's!
Symbolik
Blüten, mehr Blüten neigen sich über ihn im Takt
Vergleich
Er ist ein Knabe, schön, nackt