Der Tiber
1893O Lethe, dessen Strome der alten Kraft Und Weltherrschaft Vergessenheit Rom entschlürft, Roms Schatte nur, wie oft den Fluthen, Da ihn die Mitwelt begrub, ersteht er
Gleich einem Geist der Schicksalsgedanke mir, Ob von der Brücke, wo mir der Insel Bild Mit Kirch′ und Kloster und der Vesta Säulenrotunde, wo der Cäsare
Den Palatin umstarrende Trümmer mir Erscheinen, oder ob in der Wildnis du Der schweigenden Campagna nur mit Thürmen der Vorwelt am sand′gen Strande
Begegnest: immer athmet Melancholie Dein träger Strom, kaum wälzet das Mühlrad sich Und kaum das Doppelnetz den Wellen, Während auf Trümmern von Kokles Brücke
Umsonst der Fischer laurend ins Wasser schaut; Kein lust′ger Nachen gleitet die Ufer hin, Nur selten seh′ ich schweren Ganges Schweben vom Strand in des Abends Schatten
Ein schwarzes Boot, als führte des Acherons Fährmann Roms große Todten zur Ruh. Auch selbst Des Himmels Lieblichkeit, du spiegelst Nie sie zurück; denn es trübt der Schlamm dich,
Wie des Tyrannen Seele der Friede nie Durchleuchtet, sondern ewig des Scepters Schuld, Des Thrones Greul, der Völker Jammer Und des vergossenen Blutes Anblick
Umdüstert. Dann nur röthet dich Purpurlicht, Wenn aus des Kaisers Grabe des Aetnas Gluth In tausend Blitzen steigt. Da, dünkt dir, Hadrians Asche sie schlummr′ allein nicht,
Es schlummr′ im Mausoleum die Menschheit selbst, Die er beherrscht′, und nun aus geborstnem Grab Urplötzlich stünde sie empor mit Flammen und Donner des Weltgerichtes.
O Rom, wie sankst du, wenn auch vom Quirinal Des Priesters stolz dreifaltige Krone blitzt, Dennoch wie sankst du! Dich beglückt er Noch mit der heiligen Pracht des Schauspiels!
Gewaltig steigt Palast, Obelisk empor, Und Kirch′ und Tempel, Säul′ und des Springquells Glanz, Noch ziert′s dich, und auf Marmorböden Winselt der Bettler, auf Tempelstücken.
Am Platz, wo Brutus Söhne vom Vaterspruch Gerichtet starben, da es gebot, das Volk, Und groß an Tugenden und Greueln Selbst die Gesetze sich gab und oftmals
Mit Bürgerblut sie schrieb in den ew′gen Stein, Aechzt nun der Krüppel, nach dem Bepurpurten Die Hand ausstreckend, der mit stolzem Rossegespann und Gefolg′ erscheinet.
Noch traur′ger darbt die Armuth im Gramgemach, Wo nichts mehr blüht als Seufzer, vielleicht ein Stück Errungnen Brods; doch fühl′ ihr Herz sich Glücklich, denn prachtvoll von Deck′ und Wölbung
Glänzt Gold in hundert Tempeln, vom Throne giebt In Goldgewändern schimmernd Sankt Petri Fürst Den Segen, und Roms größte Kuppel Leuchtet in Flammen als Krone Petri.
Doch leichten Sinn und fröhlichen gab Natur Roms Volk, genähret einst an der Wölfin Brust, Im Blut des Feindes und dem eignen Wüthend und Kön′ge zu sehn in Ketten
Gewöhnt, von Cäsarn und von Tyrannen selbst Geschmeichelt und gefürchtet vergaß es nun Der alten Männer mit den Göttern, Denen sie opferten, kämpften, siegten.
Statt Schlachtgesang ertönet das Tamburin Zum Herbsttanz, zärtlich klingt in der Sommernacht Dem Liebchen Lied und Mandoline; Und der Triumphzug des Imperators,
Der Mönche Schwarm wich er; und dem Pulcinell Des Colosseums blutiges Römerspiel … O Tiber, gönn′ in deiner Nähe Bald mir ein Grab an der Pyramide!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Der Tiber" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt den Fluss Tiber in Rom und seine symbolische Bedeutung für die Geschichte und Gegenwart der Stadt. Waiblinger zeichnet ein melancholisches Bild des Flusses, der von der Last der Vergangenheit und dem Verfall Roms geprägt ist. Der Dichter vergleicht den Tiber mit dem Fluss Lethe aus der griechischen Mythologie, der für Vergessenheit steht, und deutet an, dass Rom seine einstige Macht und Größe vergessen hat. Waiblinger beschreibt die Landschaft entlang des Tibers, einschließlich der Insel, der Vesta-Säulen und des Palatin. Er betont die melancholische Atmosphäre, die den Fluss umgibt, und die Stille, die herrscht, abgesehen von einigen Fischern und einem schwarzen Boot, das an den Fährmann des Acheron aus der griechischen Mythologie erinnert. Der Dichter deutet an, dass der Tiber die Schönheit des Himmels nicht widerspiegelt, da er durch Schlamm und die Schuld der Tyrannen getrübt ist. Das Gedicht endet mit einer Reflexion über den Niedergang Roms und den Kontrast zwischen der einstigen Größe und der heutigen Armut. Waiblinger beschreibt den Kontrast zwischen dem Prunk der Kirchen und der Armut der Bettler. Er beklagt den Verlust des kämpferischen Geistes der Römer und den Ersatz durch oberflächliche Unterhaltung. Das Gedicht endet mit einem Wunsch des Dichters, in der Nähe des Tibers begraben zu werden, in der Nähe der Pyramide, als Symbol für die ewige Verbindung mit der Stadt und ihrer Geschichte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Trümmern von Kokles Brücke
- Anapher
- Und Kirch' und Tempel, Säul' und des Springquells Glanz
- Anspielung
- Wo Brutus Söhne vom Vaterspruch Gerichtet starben
- Bildsprache
- Wo nichts mehr blüht als Seufzer
- Hyperbel
- Der Tiber, gönn' in deiner Nähe
- Kontrast
- Am Platz, wo Brutus Söhne vom Vaterspruch
- Metapher
- O Lethe, dessen Strome der alten Kraft
- Personifikation
- Oft den Fluthen
- Symbolik
- Des Tyrannen Seele der Friede nie
- Vergleich
- Gleich einem Geist der Schicksalsgedanke mir