Der Thurm des Nero
1804Gerne, wenn der Abend aus Schattenthälern Aus dem Felde steigt, das des Capitoles Majestät und finster des Kaiserhügels Trümmer umragen,
Gerne dann im einsamen Hause sitz′ ich So das müde Haupt mit dem Arme stützend, Wie es oft die Trauernden thun, die Freunde Ernster Gedanken.
Und hinüber blick′ ich, wo alter Sag′ ein Schaurig Denkmal, mitten in grauer Kirchen Frommen Kreis der Thurm des Tyrannen noch zum Himmel emporstarrt;
Schon entschwand die goldene Sonn′, es dunkelt Abendblau in düsterem Duft um Berg und Thurm und Kirch′ und schwarzen Ruin, die Erde Dunkelt, die Nacht kommt.
Flammen aber röthen die Lüfte noch, und über′m Weiten graunerweckenden Bilde Roma′s Glüht in langen purpurnen Strömen noch ein Blendendes Feuer.
Da nun mein′ ich, hoch auf dem Schattenthurme Sitze der Tyrann mit der Laut′, und sänge Troja′s Schicksallied, und der Himmel sprühe Nur, weil der Erde
Königin entbrannt. Da erschallt der Abend- Glocken tausendstimmig Geläut: als ob des Kaisers furchtbar Lied in die Flammen tönte, Dünkt mir dann oftmals;
Und allmählich schweigt es in Todtenstille, Selbst die Gluth des Himmels erbleicht, die Nebel Rauchen aus den Thälern, die Nacht deckt Rom, es Schlummert im Grabe.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Thurm des Nero" von Wilhelm Friedrich Waiblinger handelt von einer düsteren, nachdenklichen Stimmung, die sich beim Betrachten des Abendhimmels über Rom einstellt. Der Sprecher sitzt in einem einsamen Haus und stützt das müde Haupt mit dem Arm, wie es oft Trauernde tun, die von ernsten Gedanken geplagt sind. Er blickt hinüber zu dem Schauermärchen, das ein Denkmal inmitten des frommen Kreises der grauen Kirchen noch immer zum Himmel emporstarrt - der Turm des Tyrannen Nero. Die Abenddämmerung senkt sich über Rom, die goldene Sonne ist bereits verschwunden und es dunkelt in einem düsteren Blau. Berg, Turm, Kirche und schwarze Ruinen sind von der hereinbrechenden Nacht umgeben. Doch noch immer leuchten Flammen in den Lüften, und über dem weiten, grauen Bild Roms glüht ein blendendes Feuer in langen, purpurnen Strömen. Der Sprecher meint, den Tyrannen Nero auf seinem Schattenthurm sitzen zu sehen, der das Schicksalslied von Troja singt und den Himmel zum Funkeln bringt, weil die Erde entbrannt ist. Tausendstimmiges Geläut der Abendglocken ertönt, als ob das furchtbare Lied des Kaisers in die Flammen tönte. Allmählich verstummt alles in todter Stille, selbst die Glut des Himmels erbleicht. Nebel steigen aus den Tälern auf und die Nacht bedeckt Rom. Die Stadt schlummert im Grabe, umgeben von der düsteren Erinnerung an den Tyrannen Nero und sein grausames Vermächtnis.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Gluth des Himmels erbleicht
- Metapher
- Nacht deckt Rom
- Personifikation
- Nacht deckt Rom, es Schlummert im Grabe