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Der Thurm des Nero

Von

Gerne, wenn der Abend aus Schattenthälern
Aus dem Felde steigt, das des Capitoles
Majestät und finster des Kaiserhügels
Trümmer umragen,

Gerne dann im einsamen Hause sitz′ ich
So das müde Haupt mit dem Arme stützend,
Wie es oft die Trauernden thun, die Freunde
Ernster Gedanken.

Und hinüber blick′ ich, wo alter Sag′ ein
Schaurig Denkmal, mitten in grauer Kirchen
Frommen Kreis der Thurm des Tyrannen noch zum
Himmel emporstarrt;

Schon entschwand die goldene Sonn′, es dunkelt
Abendblau in düsterem Duft um Berg und
Thurm und Kirch′ und schwarzen Ruin, die Erde
Dunkelt, die Nacht kommt.

Flammen aber röthen die Lüfte noch, und über′m
Weiten graunerweckenden Bilde Roma′s
Glüht in langen purpurnen Strömen noch ein
Blendendes Feuer.

Da nun mein′ ich, hoch auf dem Schattenthurme
Sitze der Tyrann mit der Laut′, und sänge
Troja′s Schicksallied, und der Himmel sprühe
Nur, weil der Erde

Königin entbrannt. Da erschallt der Abend-
Glocken tausendstimmig Geläut: als ob des
Kaisers furchtbar Lied in die Flammen tönte,
Dünkt mir dann oftmals;

Und allmählich schweigt es in Todtenstille,
Selbst die Gluth des Himmels erbleicht, die Nebel
Rauchen aus den Thälern, die Nacht deckt Rom, es
Schlummert im Grabe.

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Gedicht: Der Thurm des Nero von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Thurm des Nero“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine eindringliche Reflexion über die Vergangenheit und das Vergehen der Zeit, eingebettet in eine stimmungsvolle Abendlandschaft Roms. Der Dichter, der sich in einem einsamen Haus befindet, blickt auf den Turm Neros, ein Denkmal der Tyrannei, das inmitten der Überreste des antiken Rom aufragt. Die Atmosphäre ist von Melancholie und einem Gefühl des Verlustes geprägt, während der Übergang vom Tag zur Nacht und die allmähliche Verdunkelung der Landschaft die Vergänglichkeit menschlicher Macht und Größe symbolisieren.

Waiblinger nutzt detaillierte Beschreibungen, um eine melancholische und beklemmende Atmosphäre zu erzeugen. Der Wechsel von Licht und Schatten, von der untergehenden Sonne zu den dunklen Konturen des Turms und der Ruinen, verstärkt das Gefühl des Verfalls und der Trauer. Die „Flammen“, die den Himmel röten, und das „blendende Feuer“ über Rom lassen an das zerstörerische Verhalten Neros denken und wecken Assoziationen an Leid, Zerstörung und das Ende einer Ära. Die Vision des Tyrannen, der auf dem Turm sitzt und ein „Schicksallied“ singt, unterstreicht die Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart und deutet auf die bleibende Macht des Bösen hin.

Die Abendglocken, die „tausendstimmig“ läuten, durchbrechen die Stille und wecken den Eindruck, dass das Lied des Kaisers in den Flammen widerhallt. Dieser Moment der auditiven und visuellen Vereinigung intensiviert das Gefühl des Unheils und der Vergänglichkeit. Das Gedicht erreicht seinen Höhepunkt in der Beschreibung der Stille der Nacht, in der selbst die „Gluth des Himmels erbleicht“ und die „Nebel“ aus den Tälern aufsteigen. Das Bild des schlummernden Roms im „Grabe“ ist eine Metapher für den Tod und die Vergessenheit, in die alles Irdische letztendlich eintritt.

Waiblinger verwendet verschiedene sprachliche Elemente, um die Stimmung zu untermauern und die Botschaft zu vermitteln. Wiederholungen, wie das Wort „gerne“, und die Verwendung von Adjektiven wie „finster“, „schaurig“ und „dunkel“ verstärken die düstere Atmosphäre. Die Metaphern, wie das „Grabe“ für Rom, und die Bilder von Feuer und Nacht, symbolisieren die Zerstörung und das Ende. Das Gedicht ist somit eine Reflexion über die Vergänglichkeit, die Macht des Bösen und die bleibende Erinnerung an die Geschichte.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.