Der Thurm am See

Joseph Christian von Zedlitz

1790

Es saß ein edler König Am hohen Uferrand, Stets waren sein Blicke Hinaus in’s Meer gewandt.

Er saß beim Morgenschimmer, Sah in die Fluth hinein, Er saß beim Sternenschein, Sein Aug’ in Thränen immer.

Viel Schiffe kamen, gingen, Ein jedes weilt’ im Port, Und immer blickt’ der König In’s Meer vom selben Ort.

Schwarz waren seine Locken, Als er sich hingesetzt, Und silberweiße Flocken Deckten die Scheitel jetzt.

Er hatte große Schätze, Kleinode ohne Zahl; Doch konnt’ ihn nichts ergötzen, Er sah sie nicht einmal.

Und ob auch alles eigen Ihm und zu Willen war, Es boten Land und Krone Ihm keine Freuden dar.

Sein Leid war seine Liebe; Es hatte ihre Treu' Die Buhle ihm gebrochen; Schnell schwoll sein Gram auf’s neu. – –

Das Siechthum kann genesen, Kraut gibt’s für jeden Schmerz; Das Einz’ge, das nie heilet, Ist – ein gebrochnes Herz!

Die Zeit wischt von der Tafel Der Seele Alles ab; Ein Wort nur bleibt geschrieben, Erinnernd, bis an’s Grab.

Jedwedes Bild verschwindet, Jedwedes Leid vergeht; Nur Gram verrathner Liebe, Wie ew’ges Erz, besteht. – –

Nun steht ein Thurm erbauet, Wo einst der König saß: Die Lüft’ umwehn ihn schaurig, Die Sterne leuchten blaß.

Ein klagendes Gewimmer Tönt noch am selben Ort, Als säß’ auch jetzt er dort Und jammerte noch immer! –

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Illustration zu Der Thurm am See

Interpretation

Das Gedicht "Der Thurm am See" von Joseph Christian von Zedlitz erzählt die tragische Geschichte eines edlen Königs, der am Ufer eines Meeres sitzt und unablässig in die Ferne blickt. Seine Trauer ist tief und unerbittlich, da seine Geliebte ihm untreu geworden ist. Der König verbringt seine Tage und Nächte am Ufer, unempfänglich für die Schätze und die Macht, die ihm zur Verfügung stehen. Die Zeit vergeht, seine schwarzen Locken werden zu silberweißen Flocken, doch seine Trauer bleibt ungebrochen. Der König's Herz ist unheilbar, denn ein gebrochenes Herz heilt nie, wie das Gedicht betont. Die Zeit löscht zwar alle Erinnerungen und Leiden aus, aber der Schmerz der verratenen Liebe bleibt ewig, wie Erz, das nicht vergeht. Der König's Leid ist so tief, dass es selbst die Zeit nicht auslöschen kann. Sein Schmerz wird zu einem Teil seiner Existenz, der ihn bis an sein Grab begleitet. Am Ende des Gedichts wird ein Turm an der Stelle errichtet, wo der König einst saß. Dieser Turm steht nun als Mahnmal für die unendliche Trauer des Königs. Die Winde wehen um ihn herum, und die Sterne leuchten blass, als ob sie den Schmerz des Königs widerspiegeln. Ein klagendes Gewimmer ertönt noch immer an diesem Ort, als ob der König immer noch dort säße und sein Leid beklagte. Der Turm wird so zu einem Symbol für die ewige Natur der Trauer und die Unauslöschlichkeit des Schmerzes, der durch verlorene Liebe entsteht.

Schlüsselwörter

saß könig meer sah selben ort leid liebe

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Stilmittel

Bildsprache
Schwarz waren seine Locken, / Als er sich hingesetzt, / Und silberweiße Flocken / Deckten die Scheitel jetzt.
Hyperbel
Doch konnt' ihn nichts ergötzen, / Er sah sie nicht einmal.
Kontrast
Schwarz waren seine Locken, / Als er sich hingesetzt, / Und silberweiße Flocken / Deckten die Scheitel jetzt.
Metapher
Sein Leid war seine Liebe
Personifikation
Die Lüft' umwehn ihn schaurig
Symbolik
Das Einz'ge, das nie heilet, / Ist – ein gebrochnes Herz!
Wiederholung
Er saß beim Morgenschimmer, / Sah in die Fluth hinein, / Er saß beim Sternenschein, / Sein Aug' in Thränen immer.