Der Tempel von Aegina
1897Halbauf noch ragt mit seinem Ruhm Der Wunderbau der Aegineten, Doch öde steht sein Heiligtum, Verwaist von Opfern und Gebeten; Zerbröckelnd in den Archipel Sinkt das Gestein vom Felsenhange, Um Säulensturz und Kapitäl In Ringeln windet sich die Schlange.
Nur wenn beim Sternenschein der Nacht Von Fels zu Fels die Schatten wallen, Erhebt in alter Dorerpracht Der hehre Tempel seine Hallen, Und durch die Säulengänge hin, Den goldnen Kranz im Lockenhaare, Tritt feierlich die Priesterin Im weißen Lichtkleid zum Altare
Da ist′s, als ob am Himmelssaum Des Göttervaters Donner rolle Und aus jahrtausendlangem Traum Die alte Welt erwachen wolle; Als ob die Mutter Cybele All ihre Kinder wieder wecke Und sehnsuchtsvoll in süßem Weh Die Arme nach der Erde strecke.
Und horch! Ein Regen auf der Flur, Ein Rauschen um die Uferklippen! Noch einmal öffnet die Natur Aufjubelnd ihre bleichen Lippen; In kühler Grotten Dämmerglanz Und an den hallenden Gestaden Schlingt sich der Nymphen Reigentanz; Im Walde flüstern die Dryaden.
Und wie Gesänge des Homer Tönt es durch das Geroll der Wogen; Auf silbernem Gewölk daher Kommt leuchtend Artemis gezogen; Anbetend gießt die Priesterin Das Opfer aus der Weiheschale - Doch neu in Schweigen und Ruin Sinkt alles hin beim Morgenstrahle.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Tempel von Aegina" von Adolf Friedrich Graf von Schack beschreibt die Pracht und den anschließenden Verfall eines antiken Tempels auf der Insel Aegina. Es beginnt mit einer Beschreibung des Tempels, der noch halb aufrecht steht, aber verlassen und verfallen ist. Die Natur hat begonnen, den Tempel zu überwuchern, und nur bei Nacht, im Sternenschein, erwacht er zu alter Pracht. Die Priesterin erscheint in feierlicher Prozession zum Altar. In der zweiten Strophe erwacht der Tempel zu alter Pracht und die Priesterin tritt in feierlicher Prozession zum Altar. Es entsteht der Eindruck, als ob die Götterwelt zum Leben erwacht und die alte Welt aus ihrem jahrtausendelangen Schlaf erwachen will. Die Göttin Cybele streckt sehnsuchtsvoll ihre Arme zur Erde aus. In der dritten Strophe erwacht die Natur zu neuem Leben. Ein Regen fällt auf die Flur und die Nymphen tanzen in kühlen Grotten und an den hallenden Gestaden. Die Dryaden flüstern im Wald. Artemis kommt auf silbernem Gewölk daher und die Priesterin gießt das Opfer aus der Weiheschale. Doch am Morgen bricht alles wieder in Schweigen und Ruin zusammen. Das Gedicht beschreibt somit den ewigen Kreislauf von Leben und Tod, von Aufblühen und Verfall.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Tritt feierlich die Priesterin
- Metapher
- Auf silbernem Gewölk daher Kommt leuchtend Artemis gezogen
- Personifikation
- Doch neu in Schweigen und Ruin Sinkt alles hin beim Morgenstrahle
- Vergleich
- Und wie Gesänge des Homer Tönst es durch das Geroll der Wogen