Der Tausch
1806»Hier sollt ich sie erwarten! Vergaß sie Schwur und Pflicht? Find ich im ganzen Garten Eleonoren nicht? Läßt dieser Schatten Hülle Mich keinen Fußtritt sehn? Dringt durch die tiefe Stille Kein einziges: Tiren?«
Ich sprachs und immer weiter Sucht ich der Freundin Spur. Der düstre Mond ward heiter, Doch Bäume sah ich nur. Jezt im Begriff zu weichen, Trift ein Geräusch mein Ohr Und aus den dichten Sträuchen Springt lachend was hervor.
»Agathe? wie?« - »Verloren Hab ich den Aedon hier.« - »Und ich Eleonoren Zu sehn geglaubt in dir.« - »Komm unsern ungetreuen, Sprach sie, soll Recht geschehn. Du wirst dich doch nicht scheuen, Mit mir allein zu gehen?« -
Wir gingen. Endlich müde Sank sie am Wasserfall. Wir horcheten dem Liede Der lauten Nachtigall Und sangen auch und lauschten Bei süßem Spiel und Scherz, Und küssten und vertauschten Unwißend unser Herz.
Ich malt ihr mein Entzücken, Als schnell an Aedons Hand, Vergnügen in den Blicken, Mein Mädchen vor mir stand. »Folgt, sagte sie, die Rache So plötzlich dem Vergehn? Kaum daß ich diesem lache, Bestrafet mich Tiren!«
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Interpretation
Das Gedicht "Der Tausch" von Heinrich Christian Boie erzählt die Geschichte eines verwechselten Treffens im Garten. Der Erzähler erwartet Eleonore, findet sie aber nicht. Stattdessen trifft er auf Agathe, die ihrerseits Aedon sucht. Beide glauben zunächst, den jeweils anderen zu sehen, und gehen gemeinsam. Bei einem Wasserfall kommen sie sich näher, tauschen Küsse aus und geben ihr Herz unwissentlich an den falschen Partner weiter. Erst als der Erzähler seine Freude über Aedon beschreibt, erscheint Eleonore, die sich über die verpasste Rache wundert. Das Gedicht thematisiert die Verwirrung und die unerwarteten Wendungen der Liebe. Die Verwechslung der Personen führt zu einer emotionalen Verstrickung, die die Grenzen zwischen Absicht und Zufall verwischt. Die Nacht als Schauplatz verstärkt die geheimnisvolle Atmosphäre und symbolisiert die Dunkelheit, in der sich die Figuren bewegen. Die Natur, insbesondere der Garten und der Wasserfall, dient als Kulisse für die intimen Momente und die emotionale Intensität der Begegnung. Die Ironie des Gedichts liegt darin, dass die Figuren ihre Gefühle an den falschen Partner verschenken, ohne es zu bemerken. Der "Tausch" bezieht sich sowohl auf die Verwechslung der Personen als auch auf den Austausch der Herzen. Die abschließende Szene, in der Eleonore erscheint, unterstreicht die Komik und Tragik der Situation. Das Gedicht reflektiert die Unberechenbarkeit der Liebe und die menschliche Neigung, sich von Momenten der Leidenschaft leiten zu lassen, selbst wenn die Umstände unklar sind.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Frage
- »Hier sollt ich sie erwarten! Vergaß sie Schwur und Pflicht? Find ich im ganzen Garten Eleonoren nicht? Läßt dieser Schatten Hülle Mich keinen Fußtritt sehn? Dringt durch die tiefe Stille Kein einziges: Tiren?«
- Kontrast
- Kaum daß ich diesem lache, Bestrafet mich Tiren!
- Metapher
- Der düstre Mond ward heiter
- Personifikation
- Die lauten Nachtigall
- Wiederholung
- Und küssten und vertauschten Unwißend unser Herz.