Der Tantenmörder
1864Ich hab’ meine Tante geschlachtet, Meine Tante war alt und schwach; Ich hatte bei ihr übernachtet Und grub in den Kisten-Kasten nach.
Da fand ich goldene Haufen, Fand auch an Papieren gar viel Und hörte die alte Tante schnaufen Ohn’ Mitleid und Zartgefühl.
Was nutzt es, daß sie sich noch härme - Nacht war es rings um mich her - Ich stieß ihr den Dolch in die Därme, Die Tante schnaufte nicht mehr.
Das Geld war schwer zu tragen, Viel schwerer die Tante noch. Ich faßte sie bebend am Kragen Und stieß sie ins tiefe Kellerloch. -
Ich hab’ meine Tante geschlachtet, Meine Tante war alt und schwach; Ihr aber, o Richter, ihr trachtet Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Tantenmörder" von Frank Wedekind erzählt die grausame Geschichte eines Mörders, der seine alte, schwache Tante aus Habgier tötet. Der Täter durchsucht die Kisten der Tante nach Gold und Papieren, während diese schläft. Ohne Mitleid oder Zartgefühl sticht er ihr in die Därme und wirft ihre Leiche anschließend in ein tiefes Kellerloch. Die Tat geschieht in der Nacht, was die heimtückische und feige Natur des Verbrechens unterstreicht. Der Mörder zeigt keinerlei Reue oder Mitgefühl für sein Opfer. Vielmehr stört ihn nur die Mühe, das Geld und die Leiche wegzuschaffen. Die alte Tante wird als reine Last und Hindernis für seine Habgier dargestellt. Im letzten Vers wendet sich der Mörder an den Richter, der ihn verurteilen will. Er wirft dem Richter Heuchelei vor, da dieser seiner "blühenden Jugend" nachstelle. Der Täter versucht, sich selbst als Opfer darzustellen und seine Tat zu rechtfertigen. Dies zeigt die krankhafte Selbstüberschätzung und Verantwortungslosigkeit des Mörders.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Papieren gar viel
- Anapher
- Ich hab' meine Tante geschlachtet, / Meine Tante war alt und schwach;
- Betonung
- blühenden Jugend-Jugend
- Kontrast
- Ohn' Mitleid und Zartgefühl
- Metapher
- Nacht war es rings um mich her