Der Strom
unbekanntAm hohen Fuß der Anden Entsteigt dem Schooß der Erde Ein klarer Quell, so breit nur Und seicht, daß hundert Schritte Von seiner öden Wiege Der Weidmann ohne Mühe Der Quelle rechtes Ufer Mit einem Fuß berühret, Indeß sein andrer Fuß noch Ihr linkes Ufer drücket; Die müden Doggen aber Stehn lechzend im Gewässer, Das kaum ihr Knie bedecket. Zwei Tagereisen weiter Ist die namlose Quelle Bereits ein Fluß, so reißend, Daß der erfahrne Fährmann, Um an dem Ort zu landen, Der gegenüber lieget Der Stelle, wo vom Lande Er stieß, zwei dritte Theile Der Flussesbreite mühsam Stromaufwärts strebt, und dann erst Es wagt, die Vorderseite Des Kahns dem andern Ufer Gerade zuzuwenden. Jetzt kommen nacheinander Der höhern Bergesthäler Hochmüth′ge Flüsse (mancher Viel breiter als er selber) Und müssen wider Willen (Nichts widersteht dem Bunde Der Stärke mit der Tiefe) Mit ihm sich hier vereinen. O welche Wasserfläche! Lebt wohl, ihr Brücken! Sicher Baut hier, und wären′s Römer, Und mächtiger und größer Als die der grauen Vorzeit, Traun, hier baut kein Bewohner Der weitentfernten Ufer Wohl jemals eine Brücke! Selbst nicht von einer Insel Zur anderen, die hier sich, Voll wechselseit′gen Stolzes Sich sondernd, in die Breite Des mächt′gen Stromes theilen, Deß Ufer sich allmählig Dem Blicke schon entziehet …. Vermag dein Aug′ noch etwas Auf dem jenseit′gen Ufer, Dem fernen, zu erkennen? - Nur hier und da ein Felsstück, Das in der Sonne glänzet …. Jetzt raubet mir ein leichtes Gewölke seinen Anblick …. Jetzt, ist gleich kein Gewölke Mehr da, ist′s mir verschwunden …. Es ist der Strom zum Seee Geworden. Und so naht er Dem Meere sich. Das Meer will Den Eingang ihm versperren. Sieh, wie sie sich im Kampfe, Dem schrecklichen, erheben! Hör′ das Gebrüll der Wogen! Es will der Strom dem Meere, Es will das Meer dem Strome Nicht weichen. Sieh, es sieget Der Strom! Er tritt, dem Grimme Des Oceanes trotzend, In dessen uralt Erbe, Und siedelt seine Wogen, Die Süßen, an, und spottet Des Meeres, das vor Zorn schäumt.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Der Strom" von Elisabeth Kulmann beschreibt die Reise eines Flusses von seiner Quelle in den Anden bis zu seiner Mündung ins Meer. Es beginnt mit der Darstellung des kleinen, klaren Quells, der so seicht ist, dass ein Weidmann mit einem Fuß auf jeder Seite stehen kann. Doch schon nach zwei Tagenreisen ist der Fluss zu einem reißenden Strom geworden, der selbst erfahrenen Fährmännern Mühe bereitet. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die gewaltige Ausdehnung des Flusses betont. Er nimmt zahlreiche Nebenflüsse auf, die ihm widerwillig, aber unaufhaltsam zufließen. Die Breite des Flusses wird so groß, dass selbst mächtige Brückenbauer wie die Römer es wagen würden, eine Brücke zu bauen. Die Ufer des Flusses werden immer weiter entfernt, bis sie schließlich dem Blick entzogen sind und der Fluss zu einem See wird. Das Gedicht endet mit der dramatischen Szene der Mündung des Flusses ins Meer. Der Strom kämpft gegen das Meer an, das ihm den Eingang versperren will. Doch der Fluss siegt und tritt trotzig in das Erbe des Meeres ein. Er siedelt seine süßen Wellen an und spottet über das zornige Meer. Das Gedicht vermittelt die unaufhaltsame Kraft und den unbeugsamen Willen des Flusses, der sich seinen Weg bahnt und am Ende triumphiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- hyperbel
- Baut hier, und wären's Römer
- kontrast
- Die müden Doggen aber Stehn lechzend im Gewässer
- metapher
- Sieht, es sieget Der Strom
- symbolik
- Zwei Tagereisen weiter