Der Strohhalm

Adolf Friedrich Graf von Schack

1897

»Wo blieb er, daß er so plötzlich verschwand? Wir müssen ihn suchen, den Höllenbrand; Denn solch ein Hauptmann, beim Teufel, ist rar!« So schallt′s durch den Haufen von Mansfelds Schar Im Dickicht der düsteren Tannen. Der Hauptmann indes, von den Seinen verirrt, Stürmt, wo das Gebirg sich am wildesten wirrt, Nachdem er die Klöster in Brand gesteckt Und den Boden mit Trümmern und Leichen bedeckt, Auf brausendem Rosse von dannen.

Es dunkelt; da unter dem Felsen sieht Er einen Siedler, der betend kniet. »Ei, Bruder, grüße dich Lucifer, Und liebst du dein Leben, so laß das Geplärr! Hervor mit den Truhen und Kisten!« Doch der Siedler giebt Antwort: »Von Stroh ist mein Pfühl; Trank bietet der Bach mir frisch und kühl; Ich habe kein Mahl zu teilen mit Euch, Als die bitteren Beeren vom Heidegesträuch, Die spärlich das Leben mir fristen.«

Drauf jener: »Schicke, du Kuttenmann - Verderben euch allen - zum Sterben dich an!« Das Schwert erhebt er; doch, wie er auch droht, Nicht zittert der Siedler, da ihn der Tod Anblitzt von der funkelnden Schneide; Zu singen beginnt er: »O Herr, geh′ nicht, Mit deinem Knechte geh nicht ins Gericht!« Dann beut er dem tödlichen Streich das Genick; Doch der Hauptmann schlägt zu Boden den Blick, Und es sinkt ihm das Schwert in die Scheide.

»Das ist das Lied - wohl kenn′ ich den Klang -, Das vor dem Sterben mein Vater sang,« So murmelt er leise und starrt und sinnt, Und der Siedler, der es gewahrt, beginnt Den Frevler zur Buße zu mahnen; Er redet von Gott, der dem Sünder vergiebt Und den Sohn, den verlorenen, doppelt liebt; Von dem Himmel der Gnade, der über uns blaut Und den Frost in dem eisigen Herzen taut, Noch eh′ wir es denken und ahnen.

»Vergeben?« spricht jener - »o eitler Wahn! Schon seh′ ich den Anklagengel nahn Und zwischen mich und des Himmels Huld Die Berge, die ich gehäuft von Schuld, Als ewiges Bollwerk wälzen.« Er spricht es und seufzt, doch der Siedler ruft: »Und wären wie Schnee in der Bergeskluft, Ja mehr noch deine Sünden gehäuft, Die Thräne der Reue, die dir entträuft, Sie wird sie wie Flocken schmelzen!«

Da löst sich dem Sünder der starre Sinn; Er sank vor das Bild des Gekreuzigten hin, Und die Nacht durch lag er am Boden so, Indessen heiß auf des Lagers Stroh Die strömenden Thränen ihm flossen. Der Siedler sah es mit Scheu von fern; Er fühlte mit Schauern die Nähe des Herrn, Der im Herzen des Menschen sich mächtig erweist; Dann senkte sich Schlummer auf ihn, und der Geist Ward zum hehren Gesicht ihm erschlossen.

Ein Regenbogen, so schien ihm im Traum, Hing hoch im unendlichen Himmelsraum, Und Christus droben auf leuchtendem Thron Hielt die Wage, welche zu Strafe wie Lohn Die Tugenden wägt und die Sünden; Die Seele des Hauptmanns kniete vor ihm; Bang blicken auf sie die Cherubim; Doch die Teufel harren erwartungsvoll Des Spruchs, der die frevelnde stürzen soll Zu der Hölle dunkelsten Schlünden.

Und mit Sünden, gleich Bergen, gleich Welten so schwer, Zahllos wie die Körner des Sandes am Meer, Ward eine der Schalen zum Rande gefüllt; Die Engel hatten ihr Haupt verhüllt, Und die Teufel jauchzten und riefen: »Noch nie belud, seit die Welt steht, nie, Sich eine Seele mit Freveln wie die!« Und sie jubelten lauter: »Bruder, hab Dank!« Und die Schale sank und sie sank und sank In die untersten Abgrundtiefen.

Da naht sich ein Engel hoffnungsfroh Und legt mit der Rechten ein Hälmchen Stroh Auf die Schale der Tugenden, die noch leer; Begierig drängten sich um ihn her Die Engel in dichtem Gewimmel; Und sieh! durch das Hälmlein, leicht wie ein Haar, Das feucht von den Thränen des Reuigen war, Ward die Schale der Sünden emporgeschnellt, Und huldvoll blickte der Richter der Welt, Und die Seele flog in den Himmel.

Tag wird es, da stürmen mit wüstem Geschrei Die Mordgesellen zur Siedelei; Schon zuckt in den Händen der Wilden das Schwert; Doch der Siedler erhebt sein Haupt wie verklärt, Und sie weichen zurück betreten; Er weist auf das Lager am Kruzifix, Wo der Hauptmann liegt gebrochenen Blicks; Er kündet, was Gott ihm enthüllt im Gesicht; Sie aber bestaunen des Herren Gericht Und knien an der Leiche zum Beten.

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Illustration zu Der Strohhalm

Interpretation

Das Gedicht "Der Strohhalm" von Adolf Friedrich Graf von Schack erzählt die Geschichte eines grausamen Hauptmanns, der auf der Flucht vor seinen eigenen Truppen auf einen betenden Siedler trifft. Der Hauptmann versucht, den Siedler zu bedrohen und auszurauben, doch dieser bleibt standhaft und beginnt ein Gebet. Der Hauptmann erkennt das Lied, das sein Vater vor dem Sterben sang, und wird von Reue ergriffen. Der Siedler ermutigt ihn zur Buße und spricht von der Vergebung Gottes. In der folgenden Nacht liegt der Hauptmann am Boden und weint bitterlich, während der Siedler von fern zusieht. In einem Traum sieht der Siedler einen Regenbogen und Christus auf einem Thron, der die Seelen nach ihren Taten wägt. Die Seele des Hauptmanns kniet vor ihm, und die Engel und Teufel warten auf das Urteil. Die Schale der Sünden ist mit Bergen von Vergehen gefüllt, doch ein Engel legt ein Hälmchen Stroh, das von den Tränen des reuigen Hauptmanns benetzt ist, auf die leere Schale der Tugenden. Durch die Kraft der Reue wird die Schale der Sünden emporgeschnellt, und die Seele des Hauptmanns fliegt in den Himmel. Als der Tag anbricht, kehren die Mordgesellen des Hauptmanns zur Siedelei zurück. Der Siedler erhebt sein Haupt und weist auf das Kreuz, wo der Hauptmann liegt. Er berichtet, was Gott ihm im Traum gezeigt hat, und die Männer knien an der Leiche des Hauptmanns nieder, um zu beten und das Gericht des Herrn zu bewundern. Das Gedicht verdeutlicht die Macht der Reue und Vergebung und zeigt, dass selbst die schwersten Sünden durch aufrichtige Reue und Gottes Gnade vergeben werden können.

Schlüsselwörter

siedler hauptmann sünden sank teufel boden stroh schwert

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Stilmittel

Alliteration
So schallt's durch den Haufen von Mansfelds Schar
Anapher
Die Engel hatten ihr Haupt verhüllt, Und die Teufel jauchzten und riefen:
Bildsprache
Es dunkelt; da unter dem Felsen sieht Er einen Siedler, der betend kniet.
Chiasmus
Noch nie belud, seit die Welt steht, nie, Sich eine Seele mit Freveln wie die!
Hyperbel
Und mit Sünden, gleich Bergen, gleich Welten so schwer, Zahllos wie die Körner des Sandes am Meer
Metapher
Und die Thräne der Reue, die dir entträuft, Sie wird sie wie Flocken schmelzen!
Personifikation
Und Christus droben auf leuchtendem Thron Hielt die Wage, welche zu Strafe wie Lohn Die Tugenden wägt und die Sünden;
Reimschema
AABB
Symbolik
Ein Regenbogen, so schien ihm im Traum, Hing hoch im unendlichen Himmelsraum
Synästhesie
Und die Teufel jauchzten und riefen:
Vergleich
Die Seele des Hauptmanns kniete vor ihm; Bang blicken auf sie die Cherubim;