Der Strauß

Richard Dehmel

1920

Nun nimm drei weiße Nelken du, mein Weib. Und du. Geliebte, nimm diese drei roten noch dazu. Und in die nickenden Nelken tu ich eine dunkelgelbe Rose.

Seht: ist es nicht ein lockender Strauß, ganz Eins auf diesem schwarzen Tuch? Und sieht so farbenfriedsam aus. Und nur von doppeltem Geruch: die je drei Nelken und die Rose.

Nein, laßt! entzweit den Stengelbund nicht! laßt! Sonst scheint so kalt und tot bloß Gelb zu Weiß, und glüht so heiß und brennt so wild bloß Gelb zu Rot; dann, ja, dann hass′ ich wohl die Nelken!

Dann hass′ ich wild das zahme Weiß und hasse kalt die rote Glut, wohl bis zur Mordlust! Ja, es tut mir weh, daß von Geruch und Blut so reizend gleich sind alle Nelken!

Was willst du so entsetzt? Nein, bleib, Geliebte, nimm, still seh ich zu: nimm jetzt die weißen Nelken Du! und die drei roten Du, mein Weib! und ich die dunkelgelbe Rose.

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Illustration zu Der Strauß

Interpretation

Das Gedicht "Der Strauß" von Richard Dehmel thematisiert die komplexen Beziehungen zwischen drei Personen. Der Sprecher fordert seine Frau und seine Geliebte auf, jeweils drei weiße bzw. rote Nelken zu nehmen, während er selbst eine dunkelgelbe Rose in die Nelken steckt. Der Strauß symbolisiert die Dreiecksbeziehung und die verschiedenen Farben stehen für die unterschiedlichen Gefühle und Rollen der Beteiligten. Die gelbe Rose, die in den Strauß gesteckt wird, steht für den Sprecher selbst, der zwischen den beiden Frauen vermittelt. Die weißen Nelken repräsentieren die Ehefrau, die als "zähmt" und "kalt" beschrieben wird, während die roten Nelken die Geliebte symbolisieren, die als "glühend" und "wild" dargestellt wird. Der Sprecher betont, dass die Nelken allein, ohne die gelbe Rose, ihre Wirkung verlieren und zu bloßen Farbkontrasten werden. Im letzten Strophenabschnitt kommt es zur Auflösung der Dreiecksbeziehung. Der Sprecher fordert seine Frau und Geliebte auf, jeweils ihre Nelken zu nehmen, während er die gelbe Rose behält. Dies kann als Trennung und Rückzug des Sprechers aus der komplizierten Situation interpretiert werden. Die Rose, die zuvor den Strauß zusammenhielt, wird nun als Symbol für die individuelle Identität des Sprechers betont.

Schlüsselwörter

nelken nimm drei rose weib geliebte roten dunkelgelbe

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Stilmittel

Anapher
Und du. Geliebte, nimm
Bildsprache
dunkelgelbe Rose
Kontrast
Gelb zu Weiß, und glüht so heiß und brennt so wild bloß Gelb zu Rot
Metapher
Stengelbund
Parallelismus
Nein, laßt! entzweit den Stengelbund nicht! laßt!
Personifikation
nickenden Nelken
Reimschema
AABB
Symbolik
drei weiße Nelken, drei rote Nelken, dunkelgelbe Rose
Wiederholung
Nein, laßt!
Übertreibung
wohl bis zur Mordlust!