Der Strauß
Nun nimm drei weiße Nelken du,
mein Weib. Und du. Geliebte, nimm
diese drei roten noch dazu.
Und in die nickenden Nelken tu
ich eine dunkelgelbe Rose.
Seht: ist es nicht ein lockender Strauß,
ganz Eins auf diesem schwarzen Tuch?
Und sieht so farbenfriedsam aus.
Und nur von doppeltem Geruch:
die je drei Nelken und die Rose.
Nein, laßt! entzweit den Stengelbund
nicht! laßt! Sonst scheint so kalt und tot
bloß Gelb zu Weiß, und glüht so heiß
und brennt so wild bloß Gelb zu Rot;
dann, ja, dann hass′ ich wohl die Nelken!
Dann hass′ ich wild das zahme Weiß
und hasse kalt die rote Glut,
wohl bis zur Mordlust! Ja, es tut
mir weh, daß von Geruch und Blut
so reizend gleich sind alle Nelken!
Was willst du so entsetzt? Nein, bleib,
Geliebte, nimm, still seh ich zu:
nimm jetzt die weißen Nelken Du!
und die drei roten Du, mein Weib!
und ich die dunkelgelbe Rose.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Strauß“ von Richard Dehmel beschäftigt sich auf subtile Weise mit Themen wie Liebe, Eifersucht, Besitzanspruch und dem Wunsch nach Einheit, sowie der Angst vor Verlust und Trennung. Der Strauß, als zentrales Bild, symbolisiert die Beziehung des lyrischen Ichs zu seinen beiden Geliebten, die durch die unterschiedlichen Farben der Blumen repräsentiert werden. Die weißen Nelken stehen für die Ehefrau, die roten Nelken für die Geliebte, und die dunkelgelbe Rose, die vom Ich ausgewählt wird, scheint die Verbindung und das Band zwischen ihnen zu symbolisieren.
Die ersten beiden Strophen beschreiben die harmonsiche Vereinigung der Blumen zu einem ästhetisch ansprechenden Strauß. Der Dichter stellt die „Farbenfriedsamkeit“ und den „doppelten Geruch“ als etwas positives dar, was auf eine ideale Beziehung hindeutet, in der beide Frauen und das Ich eine Einheit bilden. Die sorgfältige Anordnung der Blumen, die symbolträchtigen Farben und das Zusammensein auf dem „schwarzen Tuch“ verstärken diesen Eindruck von Kunst, Harmonie und Vollendung. Das lyrische Ich scheint die Vereinigung in dieser Form als Ideal zu sehen, eine perfekte Synthese seiner beiden Frauen.
Die dritte und vierte Strophe enthüllen jedoch die dunkle Seite dieser vermeintlichen Harmonie. Das lyrische Ich spricht die Angst vor Trennung und Zerstörung aus. Die Aufforderung „Nein, laßt! entzweit den Stengelbund nicht!“ deutet auf die Furcht vor dem Verlust der Einheit hin. Das lyrische Ich befürchtet, dass die Trennung der Blumen, d.h. der Frauen, zu einer kalten, leblosen und zerstörerischen Situation führt. Er äußert Hassgefühle gegenüber den Farben, was auf eine tiefe Unsicherheit, Eifersucht und den Wunsch nach Kontrolle über die Beziehungen hindeutet. Die abschließende Aussage „wohl bis zur Mordlust“ zeigt die extreme emotionale Verletzlichkeit und Zerrissenheit des Sprechers.
In der letzten Strophe kehrt das lyrische Ich zum ursprünglichen Bild zurück, versucht, die Harmonie wiederherzustellen und die Situation zu kontrollieren. Er fordert die Geliebten auf, die Blumen wieder zu übernehmen und verteilt sie neu. Das Wiederherstellen der Anordnung deutet auf ein Zögern, die Beziehung aufzugeben, aber auch auf die Unfähigkeit, die tiefer liegenden Konflikte zu lösen. Das Gedicht endet mit einem resignierten Gefühl, in dem das lyrische Ich, weiterhin die Rose haltend, hilflos zusehen muss. Es ist ein Bild von erzwungener Harmonie, die die unterdrückten Konflikte und die Angst vor Verlust nur notdürftig überdeckt.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.