Der stille Grund
1835Der Mondenschein verwirret die Täler weit und breit, die Bächlein, wie verirret, gehn durch die Einsamkeit.
Da drüben sah ich stehen den Wald auf steiler Höh′, die finstern Tannen sehen in einen tiefen See.
Ein Kahn wohl sah ich ragen, doch niemand, der es lenkt, das Ruder war zerschlagen, das Schifflein halb versenkt.
Eine Nixe auf dem Steine flocht dort ihr goldnes Haar, sie meint′, sie wär′ alleine, und sang so wunderbar.
Sie sang und sang, in den Bäumen und Quellen rauscht′ es sacht und flüsterte wie in Träumen die mondbeglänzte Nacht.
Ich aber stand erschrocken, denn über Wald und Kluft erklangen Morgenglocken schon ferne durch die Luft.
Und hätt′ ich nicht vernommen den Klang zu guter Stund′, wär′ nimmermehr gekommen aus diesem stillen Grund.
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Interpretation
Das Gedicht "Der stille Grund" von Joseph von Eichendorff beschreibt eine nächtliche Szenerie, die den Leser in eine mystische und verzauberte Welt entführt. Die Mondscheibe wirft ihr Licht über die Täler und Bäche, die durch die Einsamkeit zu irren scheinen. Der Wald auf der steilen Höhe und die finsteren Tannen, die sich im tiefen See spiegeln, verstärken die geheimnisvolle Atmosphäre. Ein verlassenes Boot und eine Nixe, die ihr goldenes Haar flechtet und wunderschön singt, tragen zur surrealen Stimmung bei. Die Natur scheint auf den Gesang der Nixe zu reagieren, indem die Bäume und Quellen leise rauschen und die mondbeglänzte Nacht wie im Traum flüstert. Die plötzliche Erscheinung der Morgenglocken, die aus der Ferne durch die Luft hallen, durchbricht die idyllische Szenerie und versetzt den Erzähler in Angst und Schrecken. Die Glocken symbolisieren die reale Welt und die Vergänglichkeit des Augenblicks. Der Erzähler erkennt, dass er ohne das rechtzeitige Hören der Glocken für immer in diesem stillen Grund gefangen bleiben würde. Die Glocken dienen als Weckruf und Retter, der den Erzähler aus dem Bann der nächtlichen Traumwelt befreit. Das Gedicht thematisiert die flüchtige Natur von Träumen und die Gefahr, sich zu sehr in ihnen zu verlieren. Die Nixe und ihre verzaubernde Melodie repräsentieren die Anziehungskraft der Fantasie und der Flucht aus der Realität. Doch die Morgenglocken erinnern daran, dass man sich nicht zu sehr in Träumen verlieren sollte, da die reale Welt und ihre Verpflichtungen weiterhin bestehen. Eichendorff nutzt die Natur und ihre Elemente, um eine tiefere Bedeutungsebene zu schaffen und den Leser zum Nachdenken über die Balance zwischen Traum und Realität anzuregen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mondbeglänzte Nacht
- Bildsprache
- Den Wald auf steiler Höh′, die finstern Tannen sehen in einen tiefen See.
- Hyperbel
- Wär′ nimmermehr gekommen aus diesem stillen Grund.
- Kontrast
- Die einsame Szene wird durch die Morgenglocken gestört.
- Metapher
- Der Mondenschein verwirret die Täler weit und breit.
- Personifikation
- Die Bächlein, wie verirret, gehen durch die Einsamkeit.
- Symbolik
- Der stille Grund
- Wiederholung
- Sie sang und sang