Der Steuermann
1854»Gen Süden gesteuert! Auf, zu den Rah′n, Matrosen, auf, zu den Reffen! Die Brigg treibt der Teufel uns auf die Bahn, Wir konnten′s nicht besser treffen! Geschwind sie gekapert! Und ist es gethan, So sei, ich schwör′ es heilig und teuer, Die Hälfte von dem Erbeuteten euer!«
Der Schiffsherr ruft′s; mit Jubelgeschrei Begrüßen sein Wort die Matrosen. »Wohlauf zur lustigen Kaperei! Weh auf der Brigg den Franzosen!« Nur der Steuermann Tom trotzt kühn und frei: »Was? plündern will die verworfene Rotte? Nie soll das geschehn, beim lebendigen Gotte!«
Die Mannschaft, die es vernahm, erhub Ein Lachen: »Ha über den Pfaffen! Geh, Tom, und pred′ge dem Belzebub, Nicht kümmert dich, was wir schaffen!« »Auf!« - donnert der Schiffsherr - »kein Verschub! Werft über Bord mir den Rebellen!« Und flugs ihn packen die wüt′gen Gesellen.
Tom stürzt, versinkt in das schäumende Meer, Von den Wirbeln hinabgezogen; Ein anderer tritt an den Platz, der leer, Und steuert den Kiel durch die Wogen; Das Schiff fliegt hinter der Beute her; Doch schon hat die Nacht zu dunkeln begonnen; Nicht sieht man die Brigg; fast scheint sie entronnen.
Und es düstert tief, als ob Todesgraun Rings über dem Meere laste; Die Matrosen stehn bei den Segeln und Taun; Der Schiffsherr gebietet vom Maste - Da hören sie unten ein Rauschen und schaun, Wie Tom, der lange versunken Geglaubte, Aus der Flut auftaucht mit dem bleichen Haupte.
Sieh, wie empor zu des Schiffes Rand Langsam der Schreckliche klettert! Wie neu er tritt an den alten Stand Und den Steurer zu Boden schmettert! Er wendet das Ruder mit fester Hand, Und, bange gekauert an den Borden, Flüstern die Schiffer: »Er steuert nach Norden.«
Die Stunden schwinden; dem Grausen zu nahn Mag keiner vor Schrecken wagen; Und als es über dem Ocean Aufdämmernd begann zu tagen, Da lähmte sie alle das Graun; sie sahn Gebirge von Eise vor sich liegen, Die empor gleich den Mauern des Weltalls stiegen.
Doch unverwandt nach Norden blickt Tom, Wie die Nadel an der Bussole; Schnell treibt und schneller der Meeresstrom Den Kiel entgegen dem Pole, Und bald, wie von einem krystallenen Dom, Ist oben das Schiff und rings im Kreise Umschlossen von flutendem, berstendem Eise.
Die Schollen türmen sich riesengroß Gleich Alpen zum Himmelsdache Und stürzen wieder zum Meeresschoß Hinab mit Donnergekrache; Und bei der Blöcke Fall und Stoß, Die wie Hagelschlossen wirbeln und stieben, Wo sind das Schiff und die Schiffer geblieben?
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Interpretation
Das Gedicht "Der Steuermann" von Adolf Friedrich Graf von Schack erzählt die Geschichte eines Schiffes, das von seinem Schiffsherrn zur Piraterie aufgefordert wird. Während die Mannschaft begeistert auf die Aussicht auf Beute reagiert, widersetzt sich der Steuermann Tom entschieden. Als Strafe für seinen Widerstand wird Tom von der Mannschaft über Bord geworfen. Doch Tom kehrt zurück, wirft den neuen Steuermann zu Boden und steuert das Schiff stattdessen nach Norden. Die Mannschaft, die sich vor Tom fürchtet, sieht sich schließlich von Eisbergen umgeben und das Schiff wird von den Eisblöcken zerstört. Das Gedicht thematisiert die Konsequenzen von Ungerechtigkeit und Gewalt. Der Schiffsherr und die Mannschaft handeln aus Habgier und Missachtung moralischer Werte, was letztendlich zu ihrem Untergang führt. Tom, der sich weigert, an der Piraterie teilzunehmen, wird als gequälte Seele dargestellt, die Rache übt und das Schiff in die eisige Hölle steuert. Das Gedicht kann als eine Art moralische Fabel interpretiert werden, in der die Taten der Charaktere unweigerlich zu ihrem Schicksal führen. Die Struktur des Gedichts, mit seinen dramatischen Wendungen und der übernatürlichen Rückkehr Toms, erzeugt eine Atmosphäre von Spannung und Unheil. Die Sprache ist bildhaft und eindringlich, besonders in der Beschreibung der Eisberge und des Untergangs des Schiffes. Das Gedicht nutzt diese Elemente, um eine eindringliche Warnung vor den Gefahren von Habgier, Gewalt und der Missachtung moralischer Werte zu vermitteln.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- »Gen Süden gesteuert! Auf, zu den Rah′n, Matrosen, auf, zu den Reffen!«
- Anapher
- »Wohlauf zur lustigen Kaperei! Weh auf der Brigg den Franzosen!«
- Bildsprache
- Tom stürzt, versinkt in das schäumende Meer
- Hyperbel
- Die Schollen türmen sich riesengroß Gleich Alpen zum Himmelsdache
- Ironie
- Nicht kümmert dich, was wir schaffen!
- Kontrast
- Die Stunden schwinden; dem Grausen zu nahn
- Metapher
- Ist oben das Schiff und rings im Kreise Umschlossen von flutendem, berstendem Eise
- Personifikation
- Die Brigg treibt der Teufel uns auf die Bahn
- Symbolik
- Beim lebendigen Gotte
- Vergleich
- Wie die Nadel an der Bussole