Der sterbende Vater
1774Sollte Glück, mein Sohn, dich meiden, Dir nicht geben Geld und Gut, Sollst du es geduldig leiden Und behalten frohen Muth; Deinem Gott sollst du es danken, Seiner Gnade dich erfreun, Und nicht weichen und nicht wanken, Jener Freuden werth zu seyn.
Armuth ist ein Schlafgeselle, Der’s getreu und redlich meint; Dich zu sichern vor der Hölle, Gibt’s fast keinen bessern Freund! Ist des Sünders Auge trübe, Sohn, er fügt, gedenk’ daran, Zwischen Gott und dir die Liebe, Die kein Engel fügen kann!
Armuth liebte, der der Eine, Hehrste Gottversöhner war; Armuth liebt’ er, als die reine, Süße Mutter ihn gebar; Armuth mußt’ uns Heil gewinnen, Armuth litt er Tag und Nacht; Armuth nahm er mit von hinnen In den Reichthum seiner Macht!
Lieber Sohn, ich will dich lehren, Welchen Schaden Geld und Gut, Wenn wir’s haben und vermehren, Insgemein den Menschen thut; Es gebiert ihm das Vergessen Unsers Gottes Jahr für Jahr; Weiber, Wein und vieles Essen Bringen Seelen in Gefahr!
Geld und Gut gibt manchen Sparren, Alle Gauchen haben’s gern! Geld und Gut macht manchen Narren Ueber uns zum strengen Herrn. Geld und Gut ist Gift: Es körnet Manchen Mann zur Missethat, Daß er sich von Gott entfernet Und der tiefen Hölle naht!
Arm wirst du in Demuth wandeln Stark an deinem Wanderstab, Und nach Gottes Willen handeln, Von der Wiege bis in’s Grab. Ja, das wirst du! – Dies Vertrauen Dank’ ich Gott, mein liebes Kind, Dann noch, wenn in jenen Auen Wieder wir beisammen sind!
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Interpretation
Das Gedicht "Der sterbende Vater" von Johann Wilhelm Ludwig Gleim ist ein ergreifendes Vater-Sohn-Gespräch, in dem der sterbende Vater seinem Sohn wichtige Lebensweisheiten mit auf den Weg gibt. Das Gedicht ist in fünf Strophen unterteilt, wobei jede Strophe einen bestimmten Aspekt des Lebens und der Moral behandelt. In der ersten Strophe warnt der Vater seinen Sohn vor den Gefahren des materiellen Reichtums und ermutigt ihn, geduldig und frohen Mutes zu bleiben, selbst wenn das Glück ihm nicht hold ist. Er betont die Wichtigkeit, Gott zu danken und seine Gnade zu genießen, um würdig für die Freuden des Lebens zu sein. Die zweite und dritte Strophe thematisieren die Armut als einen treuen Begleiter, der vor der Hölle schützt und eine engere Beziehung zu Gott ermöglicht. Der Vater verweist auf die Liebe Jesu zur Armut und wie sie ihm half, die Menschheit zu erlösen. Er ermutigt seinen Sohn, die Armut als eine Tugend zu sehen und in Demut zu wandeln. In der vierten und fünften Strophe warnt der Vater vor den Gefahren von Geld und Gut. Er erklärt, dass Reichtum oft dazu führt, dass Menschen Gott vergessen und sich in Ausschweifungen wie Frauen, Wein und übermäßigem Essen verlieren. Er warnt auch vor der Macht, die Geld über Menschen haben kann, und wie es sie zu Missetaten verleiten kann. Der Vater schließt mit der Zuversicht, dass sein Sohn in Demut und nach Gottes Willen leben wird, und drückt seine Hoffnung aus, dass sie sich im Jenseits wiedersehen werden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- [geduldig leiden frohen Muth sich erfreun Weiber, Wein und vieles Essen]
- Anapher
- [Armuth liebte, der der Eine Armuth liebt’ er, als die reine Armuth mußt’ uns Heil gewinnen Armuth litt er Tag und Nacht Armuth nahm er mit von hinnen]
- Hyperbel
- [Dich zu sichern vor der Hölle gibt’s fast keinen bessern Freund]
- Kontrast
- [Sollte Glück, mein Sohn, dich meiden, Dir nicht geben Geld und Gut Armuth ist ein Schlafgeselle In den Reichthum seiner Macht]
- Metapher
- [Armuth ist ein Schlafgeselle Es gebiert ihm das Vergessen]
- Parallelismus
- [Deinem Gott sollst du es danken, Seiner Gnade dich erfreun Und nicht weichen und nicht wanken Geld und Gut gibt manchen Sparren, Alle Gauchen haben’s gern! Geld und Gut macht manchen Narren Ueber uns zum strengen Herrn.]
- Personifikation
- [Armuth ist ein Schlafgeselle der’s getreu und redlich meint Zwischen Gott und dir die Liebe Die kein Engel fügen kann]
- Rhetorische Frage
- [Welchen Schaden Geld und Gut, Wenn wir’s haben und vermehren, Insgemein den Menschen thut]