Der sterbende Soldat

Karl Kraus

1874

Hauptmann, hol her das Standgericht! Ich sterb′ für keinen Kaiser nicht! Hauptmann, du bist des Kaisers Wicht! Bin tot ich, salutier′ ich nicht!

Wenn ich bei meinem Herren wohn′, ist unter mir des Kaisers Thron, und hab′ für sein Geheiß nur Hohn! Wo ist mein Dorf? Dort spielt mein Sohn.

Wenn ich in meinem Herrn entschlief, kommt an mein letzter Feldpostbrief. Es rief, es rief, es rief, es rief! Oh, wie ist meine Liebe tief!

Hauptmann, du bist nicht bei Verstand, daß du mich hast hierher gesandt. Im Feuer ist mein Herz verbrannt. Ich sterbe für kein Vaterland!

Ihr zwingt mich nicht, ihr zwingt mich nicht! Seht, wie der Tod die Fessel bricht! So stellt den Tod vors Standgericht! Ich sterb′, doch für den Kaiser nicht.

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Illustration zu Der sterbende Soldat

Interpretation

Das Gedicht "Der sterbende Soldat" von Karl Kraus thematisiert den Konflikt zwischen individueller Freiheit und staatlicher Unterdrückung. Der Soldat weigert sich, für den Kaiser zu sterben und betont seine persönlichen Bindungen und Werte. Er stellt seine Loyalität zu seinem Herrn und seiner Familie über die Pflicht gegenüber dem Kaiser, was einen starken Kontrast zur staatlichen Autorität darstellt. Die Wiederholung des Rufes "Es rief, es rief, es rief, es rief!" am Ende des zweiten Strophenabschnitts unterstreicht die Intensität seiner Gefühle und die tiefe Liebe zu seinem Herrn. Diese Wiederholung verstärkt die emotionale Wirkung und verdeutlicht den inneren Konflikt des Soldaten, der zwischen seiner Pflicht und seinen persönlichen Überzeugungen hin- und hergerissen ist. Im letzten Abschnitt des Gedichts fordert der Soldat das Standgericht auf, den Tod selbst zu richten, da er nicht für den Kaiser sterben will. Dies symbolisiert seinen Widerstand gegen die staatliche Macht und seinen Wunsch nach Autonomie. Die Schlusszeilen "Ich sterb', doch für den Kaiser nicht" verdeutlichen seine Entschlossenheit, seine persönlichen Werte und Beziehungen über die staatliche Autorität zu stellen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Es rief, es rief, es rief, es rief!
Antithese
Ich sterb' für keinen Kaiser nicht! / Ich sterbe für kein Vaterland!
Apostrophe
Hauptmann, hol her das Standgericht!
Chiasmus
Hauptmann, du bist des Kaisers Wicht! / Bin tot ich, salutier' ich nicht!
Enjambement
Wenn ich bei meinem Herren wohn', / ist unter mir des Kaisers Thron
Metaphor
Im Feuer ist mein Herz verbrannt
Wiederholung
Ich sterb', doch für den Kaiser nicht.