Der sterbende General
1819Er lag im dichtverhängten Saal, wo grau der Sonnenstrahl sich brach, auf seinem Schmerzensbette lag der alte kranke General. Genüber ihm am Spiegel hing Echarpe, Orden, Feldherrnstab. Still war die Luft, am Fenster ging langsam die Schildwach auf und ab.
Wie der verwitterte Soldat so stumm die letzte Fehde kämpft! Zwölf Stunden, seit zuletzt gedämpft um »Wasser« er, um »Wasser« bat. An seinem Kissen beugten zwei, des einen Auge rotgeweint, des andern düster, fest und treu, ein Diener und ein alter Freund.
»Tritt seitwärts,« sprach der eine, »laß ihn seines Standes Ehre sehn! - Den Vorhang weg, daß flatternd wehn die Bänder an dem Spiegelglas!« Der Kranke schlug die Augen auf, man sah wohl, daß er ihn verstand, ein Blick, ein leuchtender, und drauf hat er sich düster abgewandt.
»Denkst du, mein alter Kamerad, der jubelnden Viktoria? Wie flogen unsre Banner da durch der gemähten Feinde Saat! Denkst du an unsers Prinzen Wort: ′Man sieht es gleich, hier stand der Wart!′ Schnell, Konrad, nehmt die Decke fort, sein Odem wird so kurz und hart!«
Der Obrist lauscht, er murmelt sacht: »Verkümmert wie ein welkes Blatt! Das Dutzend Friedensjahre hat zum Kapuziner ihn gemacht. - Wart! Wart! du hast so frisch und licht so oft dem Tode dich gestellt, die Furcht, ich weiß es, kennst du nicht, so stirb auch freudig wie ein Held!
Stirb, wie ein Leue, adelig, in seiner Brust das Bleigeschoß, o stirb nicht, wie ein zahnlos Roß, das zappelt vor des Henkers Stich! - - Ha, seinem Auge kehrt der Strahl! - Stirb, alter Freund, stirb wie ein Mann!« Der Kranke zuckt, zuckt noch einmal, und »Wasser, Wasser« stöhnt er dann.
Leer ist die Flasche. - »Wache dort, he, Wache, du bist abgelöst! Schau, wo ans Haus das Gitter stößt, lauf, Wache, lauf zum Borne fort! - ′s ist auch ein grauer Knasterbart, und strauchelt wie ein Dromedar - nur schnell, die Sohlen nicht gespart! Was, alter Bursche, Tränen gar?«
»Mein Kommandant,« spricht der Ulan grimmig verschämt, »ich dachte nach, wie ich blessiert am Strauche lag, der General mir nebenan, und wie er mir die Flasche bot, selbst dürstend in dem Sonnenbrand, und sprach: ′Du hast die schlimmste Not,′ dran dacht ich nur, mein Kommandant!«
Der Kranke horcht, durch sein Gesicht zieht ein verwittert Lächeln, dann schaut fest den Veteran er an. - Die Seele, der Viktorie nicht, nicht Fürstenwort gelöst den Flug, auf einem Tropfen Menschlichkeit schwimmt mit dem letzten Atemzug sie lächelnd in die Ewigkeit.
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Interpretation
Das Gedicht "Der sterbende General" von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt die letzten Stunden eines alten, kranken Generals. Der General liegt in einem düster verhängten Saal und ringt mit dem Tod. An seiner Seite sind ein Diener und ein alter Freund, die ihm beistehen. Der Freund versucht, den General zu ermutigen, indem er an seine glorreichen Taten und Siege erinnert und ihn auffordert, wie ein Held zu sterben. Die Atmosphäre im Saal ist von Stille und Spannung geprägt. Der General ist bereits seit zwölf Stunden stumm und bittet nur noch um Wasser. Der Freund reißt den Vorhang auf, um den General an seine Ehrenzeichen zu erinnern, doch der General versteht die Geste und wendet sich ab. Der Freund redet weiter auf den General ein, erinnert an die Vergangenheit und ermahnt ihn, nicht wie ein zahnloses Pferd zu sterben, sondern würdevoll wie ein Löwe. In einem Wendepunkt des Gedichts erinnert sich der alte Ulan an eine Situation, in der der General ihm selbst in einer ausweglosen Lage Wasser gereicht hat. Dies berührt den General, und er lächelt. Die Seele des Generals, die nicht durch Siege oder Fürstenwort erlöst wurde, schwebt mit dem letzten Atemzug lächelnd in die Ewigkeit, getragen von einem Tropfen Menschlichkeit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- zwölf Stunden, seit zuletzt
- Anapher
- Denkst du, mein alter Kamerad
- Bildsprache
- Wie flogen unsre Banner da durch der gemähten Feinde Saat
- Enjambement
- Er lag im dichtverhängten Saal, wo grau der Sonnenstrahl sich brach, auf seinem Schmerzensbette lag der alte kranke General
- Hyperbel
- ′s ist auch ein grauer Knasterbart, und strauchelt wie ein Dromedar
- Kontrast
- O stirb nicht, wie ein zahnlos Roß, das zappelt vor des Henkers Stich
- Metapher
- Wie der verwitterte Soldat so stumm die letzte Fehde kämpft
- Personifikation
- Still war die Luft, am Fenster ging langsam die Schildwach auf und ab
- Symbolik
- die Seele, der Viktorie nicht, nicht Fürstenwort gelöst den Flug
- Vergleich
- Verkümmert wie ein welkes Blatt