Der sterbende Cromwell

Conrad Ferdinand Meyer

1892

Vor der Königsburg in nächtger Stunde Knickt der Tod die Eichen in die Runde, Drinnen sucht er dann ein zäher Leben Aus den Wurzeln allgemach zu heben - Whitehall ist Cromwells Sterbestätte, Ein Waldenser kniet an seinem Bette! “Herr, ich komm, ein Kind des welschen Tales, Wo du bist der Schutzgott jedes Mahles, Unsern Dank auf deine Knie zu legen, Leben, Cromwell, musst du unsertwegen! Rom befehdet uns mit seinen Pfaffen, Unser Herzog rüstet frevle Waffen Gegen unser Tal, den lautern Glauben Will er oder uns das Leben rauben! Doch du sahst in deinen Schmerzensnächten Uns gefoltert schon von Henkersknechten Und du hobest dich in Fieberschwüle, Auf den Arm gestützt, empor vom Pfühle Und du drohtest, über Meer gewendet - Pfaffen, Henker blieben ungesendet. Wenn wir, Cromwell, deine Söhne wären, Herber könnten wir dich nicht entbehren! Deine bangen Atemzüge geben Uns den Odem, fristen uns das Leben. Dennoch - wie du leidest, Herr - unsäglich - Deine Qualen werden unerträglich? - Dennoch - ob uns Hartes sei beschieden - Friedestifter, fahre hin in Frieden!”

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Illustration zu Der sterbende Cromwell

Interpretation

Das Gedicht "Der sterbende Cromwell" von Conrad Ferdinand Meyer schildert die Sterbeszene Oliver Cromwells, des englischen Lordprotektors, in Whitehall. Die Nacht davor symbolisiert den nahenden Tod, der wie ein Sturm die Eichen um die Königsburg biegt. Im Inneren kämpft Cromwell mit seinem Leben, das der Tod aus den Wurzeln zu reißen versucht. Ein Waldenser, ein Angehöriger einer protestantischen Glaubensgemeinschaft, kniet an seinem Bett und fleht ihn an, um seiner selbst und seiner Glaubensbrüder willen zu leben. Der Waldenser erinnert Cromwell an seine schützende Rolle für die protestantischen Minderheiten, insbesondere gegen die katholische Kirche und den Herzog, der ihr Tal angreift. Er schildert, wie Cromwell in seinen fiebrigen Nächten bereits die Verfolgung der Waldenser durch Henkersknechte gesehen hat und wie er sich aufgerichtet hat, um zu drohen. Die Bitte des Waldensers ist emotional: Wenn sie Cromwells Söhne wären, könnten sie ihn nicht entbehren. Seine Atemzüge seien für sie wie der Odem des Lebens. Trotz der Qualen, die Cromwell erleidet, und der Schwierigkeiten, die ihnen bevorstehen, bittet der Waldenser ihn, als Friedensstifter in Frieden zu fahren. Das Gedicht thematisiert die Ambivalenz von Macht und Verantwortung. Cromwell, als mächtiger Herrscher, ist zugleich ein schützender Vaterfigur für die protestantischen Minderheiten. Sein Tod bedeutet nicht nur den Verlust eines Führers, sondern auch die Bedrohung ihrer Existenz. Der Waldenser appelliert an Cromwells Verantwortungsbewusstsein und seine Rolle als Beschützer, um ihn zum Weiterleben zu bewegen. Das Gedicht zeigt die emotionale Verflechtung zwischen Herrscher und Untertanen und die moralische Verpflichtung, die aus Macht entstehen kann.

Schlüsselwörter

leben herr cromwell pfaffen dennoch königsburg nächtger stunde

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Stilmittel

Anapher
Doch du sahst in deinen Schmerzensnächten / Und du hobest dich in Fieberschwüle
Apostroph
Herr, ich komm, ein Kind des welschen Tales
Hyperbel
Wenn wir, Cromwell, deine Söhne wären, / Herber könnten wir dich nicht entbehren!
Kontrast
Dennoch - wie du leidest, Herr - unsäglich - / Deine Qualen werden unerträglich? - / Dennoch - ob uns Hartes sei beschieden
Metapher
Friedestifter, fahre hin in Frieden!
Personifikation
Knickt der Tod die Eichen in die Runde
Rhetorische Frage
Deine Qualen werden unerträglich?