Der Sperling am Fenster
1760Zaig, Chind ! Wie het sell Spätzli gsait?
Waisch’s nümme recht? Was luegsch rni a? -
“s het gsait: I bi der Vogt im Dorf; i mueß vo allem d’Vorles ha." Un wo der Spöötlig sait: ’s isch gnueg!, was tuet my Spatz, wo d’Vorles het? - "Er list am Bode d’Brösli uf, sust müeßt er hungerig ins Bett." Un wo der Winter d’Felder denkt, was tuet my Spatz in syner Not? "Er pöpperlet am Fenster a un bettlet um e Stückli Brot. Gang, gib ern, Muetter ! s friert en sust.”
Zaig, sag mer zerst, ’s pressiert nit so:
wie chunnt’s der mit dem Spätzli vor?
Mainsch nit, es chönnt aim au so goh? -
Chind, wird’s der wohl un ’s goht der guet,
sag nit: i bi ne riiche Heer,
un iß nit Brotis alli Tag!
,s chönnt anderst werde, handumchehr.
Iß nit der chrosplig Ranft vom Brot
un loß die waiche Brosme stoh!
- De hesch’s im Bruuch! - Es chunnt e Zyt,
un wenn de’s hättsch, wie wärsch so froh!
Ne blaue Möntig währt nit lang,
un d’Wuche het no menggi Stund,
un menggi Wuche lauft dur’s Dorf,
bis jedem au sy letschti chunnt.
Un was men in sym Früehlig lehrt,
me trait nit schwer un het’s emool,
un was men in sym Summer spart,
das chunnt aim in sym Spöötlig wohl.
Chind, denk mer dra, un halt di guet!
“O Muetter, lueg! der Spatz will goh!
Se gang er! Leng die Hirse dört
un streu ein! Er wird widerchoo!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Der Sperling am Fenster" von Johann Peter Hebel handelt von einem kleinen Spatz, der vor dem Fenster sitzt und um Brot bettelt. Der Sprecher, vermutlich eine Mutter, spricht mit ihrem Kind über den Spatz und dessen Bedürfnisse. Der Spatz wird als Vogt im Dorf beschrieben, der von allem die Vorles hat, was darauf hindeutet, dass er sich um alles kümmern muss. Im Winter, wenn die Felder leer sind, pfeffert der Spatz am Fenster und bittet um ein Stück Brot. Die Mutter ermahnt das Kind, dem Spatz zu helfen und ihm etwas zu essen zu geben, da es sonst frieren würde. Die Mutter nutzt die Situation, um dem Kind eine Lektion über das Leben und die Vergänglichkeit zu erteilen. Sie sagt, dass man nicht denken sollte, immer reich und satt zu sein, da sich die Umstände ändern können. Sie rät dem Kind, nicht nur das weiche Brot zu essen, sondern auch den harten Rand, da man es im Winter brauchen könnte. Die Mutter betont, dass das Leben kurz ist und jeder einmal seinen letzten Tag erleben wird. Sie ermutigt das Kind, im Frühling und Sommer zu lernen und zu sparen, damit es im Alter davon profitieren kann. Am Ende des Gedichts fliegt der Spatz davon, nachdem die Mutter ihm Hirse gestreut hat, und das Kind beobachtet, wie er zurückkommt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Chind, denk mer dra, un halt di guet!
- Bildsprache
- un menggi Wuche lauft dur’s Dorf, bis jedem au sy letschti chunnt.
- Direkte Ansprache
- O Muetter, lueg! der Spatz will goh!
- Imperativ
- Se gang er! Leng die Hirse dört un streu ein! Er wird widerchoo!
- Metapher
- s chönnt anderst werde, handumchehr.
- Personifikation
- Un wo der Winter d’Felder denkt, was tuet my Spatz in syner Not?
- Rhetorische Frage
- Zaig, sag mer zerst, ’s pressiert nit so: wie chunnt’s der mit dem Spätzli vor?