Der Spaziergang
1913Musik summt im Gehölz am Nachmittag. Im Korn sich ernste Vogelscheuchen drehn. Holunderbüsche sacht am Weg verwehn; Ein Haus zerflimmert wunderlich und vag.
In Goldnem schwebt ein Duft von Thymian, Auf einem Stein steht eine heitere Zahl. Auf einer Wiese spielen Kinder Ball, Dann hebt ein Baum vor dir zu kreisen an.
Du träumst: Die Schwester kämmt ihr blondes Haar, Auch schreibt ein ferner Freund dir einen Brief. Ein Schober fliegt durchs Grau vergilbt und schief Und manchmal schwebst du leicht und wunderbar.
Die Zeit verrinnt. O süßer Helios! O Bild im Krötentümpel süß und klar; Im Sand versinkt ein Eden wunderbar. Goldammern wiegt ein Busch in seinem Schoß.
Ein Bruder stirbt dir in verwunschnem Land Und stählern schaun dich seine Augen an. In Goldnem dort ein Duft von Thymian. Ein Knabe legt am Weiler einen Brand.
Die Liebenden in Faltern neu erglühn Und schaukeln heiter hin um Stein und Zahl. Aufflattern Krähen um ein ekles Mahl Und deine Stirne tost durchs sanfte Grün.
Im Dornenstrauch verendet weich ein Wild. Nachgleitet dir ein heller Kindertag, Der graue Wind, der flatterhaft und vag Verfallne Düfte durch die Dämmerung spült.
Ein altes Wiegenlied macht dich sehr bang. Am Wegrand fromm ein Weib ihr Kindlein stillt. Traumwandelnd hörst Du wie ihr Bronnen quillt. Aus Apfelzweigen fällt ein Weiheklang.
Und Brot und Wein sind süß von harten Mühn. Nach Früchten tastet silbern deine Hand. Die tote Rahel geht durchs Ackerland. Mit friedlicher Geberde winkt das Grün.
Gesegnet auch blüht armer Mägde Schoß, Die träumend dort am alten Brunnen stehn. Einsame froh auf stillen Pfaden gehn Mit Gottes Kreaturen sündelos.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Spaziergang" von Georg Trakl beschreibt einen Spaziergang durch eine ländliche Landschaft, die von einer melancholisch-verklärten Stimmung durchdrungen ist. Der Spaziergänger nimmt die Natur und die Menschen in seiner Umgebung wahr, wobei sich allmählich eine Traum- und Todessehnsucht einstellt. Die Bilder sind oft düster und geheimnisvoll, mit einem Hauch von Vergänglichkeit und Verfall. Im ersten Teil des Gedichts wird die Natur beschrieben: Musik summt im Gehölz, Vogelscheuchen drehen sich im Kornfeld, Holunderbüsche verwehen am Weg. Ein Haus erscheint "zerflimmert wunderlich und vag", was eine traumhafte, unwirkliche Atmosphäre schafft. Im zweiten Teil tauchen menschliche Elemente auf: Kinder spielen Ball auf einer Wiese, ein Baum beginnt zu kreisen. Der Spaziergänger träumt von seiner Schwester und einem fernen Freund. Ein Vogel fliegt durch das Grau, und der Spaziergänger selbst schwebt "leicht und wunderbar". Im dritten Teil wird die Vergänglichkeit der Zeit betont. Die Sonne Helios wird angerufen, ein Bild im Krötentümpel erscheint "süß und klar". Ein Eden versinkt im Sand. Goldammern wiegen sich in einem Busch. Der vierte Teil bringt einen Todesfall: Ein Bruder stirbt im "verwunschenen Land", seine Augen blicken stählern. Ein Knabe legt am Weiler einen Brand. Im fünften Teil werden Liebende in Faltern neu entflammt, Krähen flattern um ein "ekles Mahl". Die Stirn des Spaziergängers tost durchs "sanfte Grün". Im sechsten Teil verendet ein Wild im Dornenstrauch. Ein heller Kindertag gleitet nach, ein grauer Wind spült "verfallne Düfte" durch die Dämmerung. Im siebten Teil macht ein altes Wiegenlied den Spaziergänger sehr bang. Eine Frau stillt fromm ihr Kindlein am Wegrand. Der Spaziergänger hört traumwandelnd, wie ihr Bronnen quillt. Aus Apfelzweigen fällt ein "Weiheklang". Im achten Teil werden die Mühen des Lebens angesprochen: Brot und Wein sind "süß von harten Mühn". Die tote Rahel geht durchs Ackerland. Mit "friedlicher Geberde" winkt das Grün. Im neunten und letzten Teil wird eine Magd gesegnet, die träumend am Brunnen steht. Einsame Menschen gehen auf stillen Pfaden mit "Gottes Kreaturen sündelos". Insgesamt vermittelt das Gedicht eine Stimmung von Melancholie, Vergänglichkeit und Todessehnsucht. Die Natur wird als traumhaft-schön, aber auch als vergänglich und geheimnisvoll dargestellt. Menschliche Beziehungen und das Leben selbst erscheinen flüchtig und von Leid geprägt. Der Spaziergang wird zu einer Reise durch die innere Landschaft des lyrischen Ichs, die von einer düsteren Ahnung des Todes durchzogen ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Musik summt im Gehölz
- Anspielung
- Die tote Rahel geht durchs Ackerland
- Bildhaftigkeit
- Ein Haus zerflimmert wunderlich und vag
- Enjambement
- Im Korn sich ernste Vogelscheuchen drehn. Holunderbüsche sacht am Weg verwehn;
- Kontrast
- Ein Bruder stirbt dir in verwunschnem Land
- Metapher
- Holunderbüsche sacht am Weg verwehn
- Personifikation
- Holunderbüsche sacht am Weg verwehn
- Rhythmus
- Auf einer Wiese spielen Kinder Ball
- Symbolik
- O süßer Helios!
- Wiederholung
- In Goldnem dort ein Duft von Thymian