Der späte Gast

Willibald Alexis

1798

Was klopft ans Tor? Über die rote Heide geht nur mein Sohn und ich, wir beide. Wir beide wohnen in der Wildnis allein, mein Sohn schläft dort im Kämmerlein. Keinen Kobold laß ich zur Tür herein.

»Mutterlein! nimm mich ins kleine Haus, draußen weht es so kalt, draußen weht es so graus. Oft schon kreuzt′ ich die rote Heide, oft schon sahen wir uns beide, kein Kobold ich, tu nichts zu Liede.«

Denn bist du ein Irrwisch und locktest ins Moor meine Tochter, als ich das Kind verlor. Im Schilf, das dort am Felsen gränzt, da tanzt mein Kind, wenn der Mond drauf glänzt, du magst bei ihm schlafen, du hässlich Gespenst.

»Ich kann nicht schlafen auf welkem Gras, von Tau und Regen ist′s kalt, von Tau und Regen ist′s naß. Ich bin kein Irrwisch, ich bin dir verwandt, deine Tochter hab′ ich Schwester genannt und hab′ sie gewarnt vor des Sumpfes Rand.«

Verwandt ist mir niemand, niemand wert, ich steh′ allein hier an meinem Herd. Den Fremden empfinge des Hundes Gebell, dem Blutsfreund, spräng′er entgegen schnell, nun starrt er zitternd auf eine Stell.

»Mutter, der alte Hund kannte bald die Stimme, die draußen im Dunkel schallt. Er hatte schon sieben Jahr mich gekannt, seit ich ihn drüben am Kreuzweg fand. Mutter, ich bin dir so nah, so nah verwandt.«

Was hast du mich spät in der Nacht geweckt? Was hast du im Schlummer die Mutter geschreckt? Was schläfst du nicht ruhig im Kämmerlein? Was spukest du draußen im Mondesschein? Mein Sohn kanns ja nur draußen sein.

“Mutter, dein Sohn steht draußen nicht, aber mich brachte dein Schoß ans Licht. Noch schläft dein Sohn im Kämmerlein, aber ich schwebe im Mondesschein und will so gern zu dir hinein.”

Mein Sohn, du stehst so nahe bei mir, warum öffnest du selber dir nicht die Tür? Leicht Flechtwerk ist sie von Elsenwald, und draußen weht der Wind so kalt, o komm ins warme Kämmerlein bald!

»Mutter, ich stehe sehr weit von dir, öffnen kann ich nicht mehr die Tür! Selbst wie der Wind bin ich leicht und schwacht, komm nie mehr unter dein warmes Dach, drum gib mir draußen ein kalt Gemach!«

Ich öffne geschwind, mein liebes Kind. Wo bist du? Es saust vorbei der Wind. »Der Wind weht fort mich, Mütterlein!« O weh! da liegt im Kämmerlein mein Sohn, blaß wie der Mondenschein.

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Illustration zu Der späte Gast

Interpretation

Das Gedicht "Der späte Gast" von Willibald Alexis erzählt eine unheimliche Nachtgeschichte voller Sehnsucht, Verlust und der verschwommenen Grenzen zwischen Lebenden und Toten. Eine Mutter und ihr Sohn leben einsam in der Wildnis, als in der Nacht ein Klopfen an der Tür sie erschreckt. Zunächst vermutet die Mutter einen Irrwisch, einen täuschenden Waldgeist, der ihre verlorene Tochter ins Moor lockte. Doch der nächtliche Besucher behauptet, ein Blutsverwandter zu sein, der ihre Tochter als Schwester bezeichnet und sie vor Gefahren warnte. Die Mutter, misstrauisch und allein, weigert sich, den Fremden einzulassen, da sie niemanden mehr wertschätzt außer sich selbst und ihrem Sohn. Die Spannung steigt, als der Sohn im Kämmerlein schläft und der Besucher behauptet, aus dem Schoß der Mutter geboren zu sein und nun im Mondesschein zu schweben. Die Mutter ruft ihren Sohn auf, die Tür selbst zu öffnen, doch der Besucher antwortet, er sei zu weit entfernt und könne nicht mehr zurück ins warme Haus. In ihrer Verzweiflung öffnet die Mutter die Tür, doch es ist nur der Wind, der vorbeisaust. In diesem Moment findet sie ihren Sohn tot im Kämmerlein, bleich wie Mondenschein. Die Identität des nächtlichen Gastes bleibt rätselhaft – vielleicht ein Geist des verlorenen Kindes oder eine Halluzination der trauernden Mutter. Das Gedicht thematisiert die unausweichliche Begegnung mit dem Tod und die tiefe Trauer einer Mutter, die ihre Kinder verloren hat. Die kalte, öde Heide symbolisiert die Einsamkeit und Verlassenheit, während der Mond als Zeuge des Übernatürlichen fungiert. Die Mutter versucht, sich gegen das Unbekannte abzuschotten, doch letztendlich ist der Tod stärker und holt auch den letzten Sohn. Die Grenzen zwischen Realität und Jenseits verschwimmen, und die Mutter bleibt allein zurück, konfrontiert mit der Endgültigkeit des Verlustes. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Melancholie und die unerträgliche Sehnsucht nach den Verstorbenen, die niemals zurückkehren können.

Schlüsselwörter

draußen sohn kämmerlein mutter weht kalt wind beide

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Stilmittel

Metapher
öffnen kann ich nicht mehr die Tür
Personifikation
der Wind weht fort mich, Mütterlein!
Vergleich
blaß wie der Mondenschein
Wiederholung
von Tau und Regen ist's kalt, von Tau und Regen ist's naß