Der Sommerregen
unknownWie milde säuselst Du, o kühler Regen, Auf die verschmachtende, verbleichte Flur. Dein längst so heiss, so bang erflehter Seegen, Erfrischt die ganze seufzende Natur, Und neu gestärkt erheben Gras und Bäume Die matten Häupter in der Lüfte Räume.
Der Sonne Gluth schien alles zu verzehren; Es welkte still dahin der Blumen Glanz. Die Pflanzen neigten sich - ein allgemein Verheeren Bedrohte selbst der Wälder dunklen Kranz, Und brennend schien in ihrer dumpfen Schwüle Die schwere Luft dem lechzenden Gefühle.
Da strömtest Du, aus höhern Regionen Zur Labung freundlich uns herabgesandt, Die kühlen Perlen, die in Millionen Voll heissen Durstes trank das dürre Land. Wie gute Geister wehen durch die Fluren Der neuen Lust und der Erquickung Spuren.
So mildert gern den heissen Brand der Schmerzen, Der uns im Lauf des Lebens oft versengt, Der Thränen Thau, der sanft aus unsern Herzen Das bittre Gift verschlossnen Grames drängt, Und Lindrung bringen uns der Wehmuth Gaben, Indem sie still den bangen Busen laben.
O netzt auch mir das Auge, das so dunkel Nur öde Wüsten steinigt vor sich sieht, Und dem der Hoffnung goldnes Sterngefunkel In unerreichbar weite Ferne flieht. Ach, wie der matten Flur ein frischer Regen, Sind Thränen meinem kranken Herzen Seegen.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Sommerregen" von Charlotte von Ahlefeld beschreibt die erlösende Wirkung des Regens auf die ausgedörrte Natur. Es vergleicht die erfrischende Kraft des Regens mit der tröstenden Wirkung von Tränen auf ein trauriges Herz. Im ersten Teil schildert das Gedicht die Not der Natur während einer Hitzewelle. Die Pflanzen welken, die Luft ist schwer und drückend. Dann kommt der ersehnte Regen und belebt alles wieder. Gras und Bäume richten sich auf, die Natur erwacht zu neuem Leben. Im zweiten Teil zieht das Gedicht eine Parallele zwischen dem Regen und den Tränen. So wie der Regen die ausgedörrte Erde erfrischt, so lindern Tränen seelische Schmerzen. Sie helfen, "bittres Gift" und Gram aus dem Herzen zu spülen. Im letzten Teil wendet sich die lyrische Ich-Persönlichkeit direkt an den Regen. Sie wünscht sich, dass er auch ihr "dunkles Auge" erleuchten und ihrem "kranken Herzen" guttun möge. So wie der Regen der Natur hilft, so erhofft sie sich Heilung durch Tränen für ihre eigene seelische Not.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Die kühlen Perlen, die in Millionen Voll heissen Durstes trank das dürre Land
- Hyperbel
- Bedrohte selbst der Wälder dunklen Kranz
- Metapher
- Dein längst so heiss, so bang erflehter Seegen
- Parallelismus
- Wie gute Geister wehen durch die Fluren Der neuen Lust und der Erquickung Spuren
- Personifikation
- Wie milde säuselst Du, o kühler Regen
- Symbolik
- Der Thränen Thau, der sanft aus unsern Herzen Das bittre Gift verschlossnen Grames drängt
- Vergleich
- So mildert gern den heissen Brand der Schmerzen, Der uns im Lauf des Lebens oft versengt