Der Sklave

Johann Heinrich Voß

1771

Bei meinem lieben Topf voll Reis Verschmaus ich, Sklav des großen Deys, Der Freiheit Last und Kummer. Von Ketten lieblich eingeklirrt, Schlaf ich, bis früh die Peitsche schwirrt, Der Arbeit süßen Schlummer. Zwar schnaubt mein Dey: Du Christenhund! Und geißelt mir den Rücken wund, Und sieht aus wie der Teufel: Doch jeder hat so seinen Tick; Und ich verwette mein Genick, Gut meint er’s ohne Zweifel.

Wenn ihr nur seinen Tick nicht reizt, Und ihm so vor der Nase kreuzt, Maltesische Verschwörer! Der Christen Freiheit rächet ihr? Bei Machmuds Bart! das fühlen wir! Ihr seid nur Friedensstörer!

Quecksilber hat der Narr im Kopf, Der nicht mit Lust bei deinem Topf, Korsarenvater, bleibet! Du bist ja Herr, und wir sind Knecht! Das wollte Gott und Völkerrecht! Ein Meuter, wer sich sträubet!

Das Vaterland? Was Vaterland! Der Topf, der Topf ist Vaterland! Das übrige sind Fratzen! Da sollt’ ich mich dem wilden Meer Und Sturm vertraun, und hinterher Um Brot die Ohren kratzen!

Bei meinem lieben Topf voll Reis, Genieß ich, Sklav des großen Deys, Hans Ohnesorgens Freuden! Und wenn ich einst bei Laune bin, So geh ich zu dem Mufti hin, Und lasse mich beschneiden!

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Illustration zu Der Sklave

Interpretation

Das Gedicht "Der Sklave" von Johann Heinrich Voss handelt von einem Sklaven, der seinen unterdrückerischen Lebensumständen gegenüber eine resignierte und pragmatische Haltung einnimmt. Der Sklave genießt die einfache Freude an seinem täglichen Reisgericht und betrachtet seinen Herrn, den Dey, als eine notwendige Autorität, die trotz seiner Grausamkeit gut gemeint ist. Der Sklave versteht die Brutalität seines Herrn als eine Art "Tick" und akzeptiert sie als Teil der natürlichen Ordnung, in der der Herrscher herrscht und der Sklave dient. Der Sklave zeigt Verständnislosigkeit gegenüber den Bestrebungen der Maltesischen Verschwörer, die für die Freiheit der Christen kämpfen. Er sieht ihre Aktionen als Störung des Friedens und als unnötiges Risiko an. Der Sklave ist der Meinung, dass die natürliche Ordnung der Dinge, in der er als Sklave seinem Herrn untertan ist, von Gott und Völkerrecht so gewollt ist. Er betrachtet den Gedanken an ein Vaterland als irrelevant und vergleicht seinen Topf mit Reis mit einem Vaterland, das ihm Sicherheit und Zufriedenheit bietet. Am Ende des Gedichts zeigt der Sklave eine ironische und resignierte Akzeptanz seiner Situation, indem er erwähnt, dass er sich bei guter Laune zum Mufti begeben und sich beschneiden lassen könnte. Dies deutet auf eine mögliche Konversion zum Islam hin, was ihm möglicherweise eine bessere Stellung oder Behandlung einbringen könnte. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine satirische Kritik an der Sklaverei und den gesellschaftlichen Strukturen, die sie aufrechterhalten, während es gleichzeitig die passive Akzeptanz des Sklaven gegenüber seiner Lage darstellt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Bei meinem lieben Topf voll Reis
Anspielung
Maltesische Verschwörer
Bildsprache
Und Sturm vertraun, und hinterher Um Brot die Ohren kratzen!
Hyperbel
Und ich verwette mein Genick
Ironie
Zwar schnaubt mein Dey: Du Christenhund! Und geißelt mir den Rücken wund, Und sieht aus wie der Teufel: Doch jeder hat so seinen Tick; Und ich verwette mein Genick, Gut meint er’s ohne Zweifel.
Kontrast
Das Vaterland? Was Vaterland! Der Topf, der Topf ist Vaterland!
Metapher
Bei meinem lieben Topf voll Reis Verschmaus ich, Sklav des großen Deys
Personifikation
Und sieht aus wie der Teufel
Rhetorische Frage
Das Vaterland? Was Vaterland!
Übertreibung
Quecksilber hat der Narr im Kopf