Der Sennerin Heimkehr

Anastasius Grün

1876

Es blinken die Alpenzinnen In Eis schon silbern ganz, Der Herbst entlaubt im Thale Der Bäume grünen Kranz.

Ums Dörflein dort am Hange Grünt noch die Wiese fort, Doch auf der Wiese die Blumen Sind alle schon verdorrt.

Horch, was erklingt vom Berge Wie voller Glockenklang? Was tönt zum Thale nieder Wie süßer Brautgesang?

Das ist mit ihrer Heerde Die junge Sennerin, Die von den Alpen nieder Zur Heimat wallt dahin.

Die schönste ihrer Kühe Mit hellem Glockenlaut, Voran mit frischem Kranze, Geschmückt wie eine Braut.

Rings um sie hüpft so fröhlich Die ganze Heerde drein, Wie treue Jugendgenossen, Die sich des Tages freun.

Der schwarze Stier den Festzug Als würdiger Pater führt; Er schreitet hin bedächtlich, Wie’s solchem Herrn gebührt.

Und vor dem ersten Hause Jauchzt dreimal hell die Maid, Daß laut es gellt durchs Dörflein, Durch Thal und Alpen weit!

Die Mütterlein und Dirnen Sind flink herbeigerannt, Die Sennerin drückt Allen So warm und treu die Hand:

»Viel Grüße, schöne, frische, Von grünen Alpenhöhn! Wie lange, ach, wie lange, Daß wir uns nicht gesehn!

Den ganzen langen Sommer Saß ich so ganz allein Mit Heerden und mit Blümlein, Mit Sonn’ und Mondenschein!«

Sie grüßt die Burschen alle Mit heit’rem Angesicht, Nur einen, und den schönsten, Den grüßt sie eben nicht.

Nicht scheint es ihn zu grämen, Und lächelnd läßt er’s geschehn! Er hat wohl auch die Schöne So lange nicht gesehn?

Er trägt ein grünes Hütlein Umsäumt von Rosen dicht. Ei, solche Alpenrosen, Im Thale blühn sie nicht!

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Illustration zu Der Sennerin Heimkehr

Interpretation

Das Gedicht "Der Sennerin Heimkehr" von Anastasius Grün beschreibt die Rückkehr einer jungen Sennerin von den Alpen in ihr Heimatdorf. Es schildert die herbstliche Landschaft, in der die Alpen bereits mit Eis bedeckt sind und die Bäume ihre Blätter verloren haben. Dennoch grünt noch die Wiese um das Dorf, obwohl die Blumen verdorrt sind. Die Sennerin kehrt mit ihrer Herde zurück, angeführt von ihrer schönsten Kuh, die wie eine Braut geschmückt ist. Die ganze Herde hüpft fröhlich um sie herum, begleitet vom schwarzen Stier, der den Festzug würdevoll anführt. Die Sennerin wird von den Dorfbewohnern freudig empfangen, die Mütter und Mädchen eilen herbei, um sie zu begrüßen. Sie erzählt von ihrem einsamen Sommer auf den Alpen, den sie mit ihrer Herde und den Blumen, der Sonne und dem Mond verbracht hat. Dabei grüßt sie alle Burschen freundlich, außer einem, dem schönsten von ihnen, was auf eine besondere Beziehung zwischen ihnen hindeutet. Dieser scheint jedoch nicht gekränkt zu sein und trägt ein grünes Hütlein, das mit Alpenrosen geschmückt ist, die im Tal nicht wachsen. Das Gedicht vermittelt eine romantische und idyllische Stimmung, die den Übergang vom Sommer zum Herbst und die Freude über die Heimkehr der Sennerin einfängt. Es spiegelt die enge Verbundenheit der Menschen mit der Natur und den Jahreszeiten wider, sowie die Bedeutung von Gemeinschaft und Tradition. Die subtile Andeutung einer unausgesprochenen Zuneigung zwischen der Sennerin und dem schönsten Burschen fügt eine persönliche und emotionale Ebene hinzu, die das Gedicht bereichert.

Schlüsselwörter

thale lange ganz grünen dörflein wiese alle nieder

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Wie lange, ach, wie lange
Bildsprache
Es blinken die Alpenzinnen In Eis schon silbern ganz
Enjambement
Das ist mit ihrer Heerde Die junge Sennerin
Hyperbel
Daß laut es gellt durchs Dörflein, Durch Thal und Alpen weit
Metapher
Die schönste ihrer Kühe, Mit hellem Glockenlaut, Voran mit frischem Kranze, Geschmückt wie eine Braut
Personifikation
Der Herbst entlaubt im Thale
Symbolik
Das grüne Hütlein Umsäumt von Rosen dicht
Vergleich
Wie treue Jugendgenossen, Die sich des Tages freun