Der Seelchenbaum

Ferdinand Avenarius

1898

Weit draußen, einsam im öden Raum steht ein uralter Weidenbaum noch aus den Heidenzeiten wohl, verknorrt und verrunzelt, gespalten und hohl. Keiner schneidet ihn, keiner wagt vorüberzugehn, wenn′s nicht mehr tagt, kein Vogel singt ihm im dürren Geäst, raschelnd nur spukt drin der Ost und West; doch wenn am Abend die Schatten düstern, hörst du′s wie Sumsen darin und Flüstern.

Und nahst du der Weide um Mitternacht, du siehst sie von grauen Kindlein bewacht: Auf allen Ästen hocken sie dicht, lispeln und wispeln und rühren sich nicht. Das sind die Seelchen, die weit und breit sterben gemußt, eh′ die Tauf′ sie geweiht: Im Särglein liegt die kleine Leich′, nicht darf das Seelchen ins Himmelreich. Und immer neue, - siehst es du? - in leisem Fluge huschen dazu.

Da sitzen sie nun das ganze Jahr wie eine verschlafene Käuzchenschar. Doch Weihnachts, wenn der Schnee rings liegt und über die Länder das Christkind fliegt, dann regt sich′s, pludert sich′s, plaudert, lacht, ei, sind unsre Käuzlein da aufgewacht! Sie lugen aus, wer sieht was, wer? Ja freilich kommt das Christkind her! Mit seinem helllichten Himmelsschein fliegt′s mitten zwischen sie hinein: »Ihr kleines Volk, nun bin ich da - glaubt ihr an mich?« Sie rufen: »Ja!« Da nickt′s mit seinem lieben Gesicht und herzt die Armen und ziert sich nicht. Dann klatscht′s in die Hände, schlingt den Arm ums nächste - aufwärts schwirrt der Schwarm ihm nach und hoch ob Wald und Wies′ ganz graden Weges ins Paradies.

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Illustration zu Der Seelchenbaum

Interpretation

Das Gedicht "Der Seelchenbaum" von Ferdinand Avenarius erzählt von einem alten, einsamen Weidenbaum, der in einer verlassenen Gegend steht. Der Baum ist verwittert und hohl, und niemand wagt es, sich ihm zu nähern, besonders nicht nachts. In ihm wohnen die Seelchen, die vor ihrer Taufe gestorben sind und nicht ins Himmelreich gelassen werden können. Sie sitzen das ganze Jahr über still und reglos auf den Ästen des Baumes. An Weihnachten jedoch, wenn das Christkind durch das Land fliegt, erwachen die Seelchen und erwarten seine Ankunft. Das Christkind kommt mit seinem hellen Schein und fragt die Seelchen, ob sie an ihn glauben. Als sie bejahen, nimmt das Christkind sie in den Arm und führt sie in den Himmel. Der Gedicht endet mit der Vorstellung, dass die Seelchen, begleitet vom Christkind, direkt ins Paradies aufsteigen.

Schlüsselwörter

weit keiner siehst seelchen liegt christkind fliegt draußen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
verknorzt und verrunzelt, gespalten und hohl
Bildsprache
Auf allen Ästen hocken sie dicht, lispeln und wispeln und rühren sich nicht
Dialog
»Ihr kleines Volk, nun bin ich da - glaubt ihr an mich?« Sie rufen: »Ja!«
Hyperbel
Und immer neue, - siehst es du? - in leisem Fluge huschen dazu
Kontrast
Doch Weihnachts, wenn der Schnee rings liegt und über die Länder das Christkind fliegt
Metapher
Dann klatscht's in die Hände, schlingt den Arm um's nächste - aufwärts schwirrt der Schwarm ihm nach und hoch ob Wald und Wies' ganz graden Weges ins Paradies
Personifikation
Mit seinem helllichten Himmelsschein fliegt's mitten zwischen sie hinein
Symbolik
Das sind die Seelchen, die weit und breit sterben gemußt, eh' die Tauf' sie geweiht