Der Sclavin Teppich (2)
1862Der Morgen graut im heim′schen Abendlande, Ein Kauffartheischiff naht dem sich′ren Port, Des Kaffees Frucht von jenes reichen Pflanzers Plantagen trägt es wohlverwahrt an Bord; Gepackt in Säcke, die das arme Mädchen Mit den Genossen trauernd hat gewebt, An jedem eine bitt′re Thränenquelle, An jedem banger Schrei nach Freiheit klebt! Und sieh, wie man auf Gräber Blumen pflanzet, So, auf die rauhen Säcke, sonst verkannt, Streut wie versöhnend tausend bunte Blüthen De weißen Frauen kunstgeübte Hand. - Der Thränen Spur, wohl ist sie auszutilgen, Doch ach, ihr Quell rinnt stets noch unversiecht! Soll das Geweb′ nur sich mit Blumen schmücken, Indess′ im Sclavenbann der Weber liegt?
O, möchten Bürge diese Kränze werden, Daß Allen bald der Freiheit Krone winkt, Daß auf den Schätzen, die der West uns sendet, Nicht mehr des Schwarzen bitt′re Thräne blinkt, Daß euch, ihr Frau′n, wenn eure Hand behende Die Nadel führt, die bunten Farben wählt, Dies rauh′ Gespinnst mit leisen Geisterworten Nicht mehr der schwarzen Schwestern Leid erzählt!
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Interpretation
Das Gedicht "Der Sclavin Teppich (2)" von Luise Büchner thematisiert die Ausbeutung von Sklavinnen bei der Herstellung von Kaffeesäcken und den Kontrast zwischen ihrem Leid und der dekorativen Verwendung dieser Säcke durch wohlhabende Frauen. Es beginnt mit der Ankunft eines Handelsschiffs, das Kaffee von den Plantagen eines reichen Pflanzers in den sicheren Hafen bringt. Die Säcke, in denen der Kaffee transportiert wird, wurden von armen Mädchen gewebt, die in Trauer und unter der Last ihrer Sklaverei litten. Jeder Sack ist durchtränkt von bitteren Tränen und von ängstlichen Schreien nach Freiheit. Büchner zieht einen Vergleich zwischen den bunten Blumen, die Frauen auf Gräber pflanzen, und den bunten Mustern, die kunstfertige Hände auf die groben Säcke auftragen. Diese Verzierung erscheint wie ein Versuch, die Spuren der Tränen zu tilgen, doch der Ursprung dieser Tränen, das Leid der Sklavinnen, bleibt unausgelöscht. Das Gedicht stellt die Frage, ob es ausreicht, das Gewebe mit Blumen zu schmücken, während der Weber, die Sklavin, weiterhin in Ketten liegt. Im letzten Teil des Gedichts wünscht sich Büchner, dass die Kränze, die die Frauen mit ihren geschickten Händen und bunten Farben anfertigen, zu Bürgen für die Freiheit aller werden. Sie hofft, dass auf den Schätzen, die der Westen empfängt, nicht mehr die bittere Träne des Schwarzen zu sehen ist und dass die Frauen, wenn sie mit Nadel und Faden hantieren, nicht mehr das Leid ihrer schwarzen Schwestern in den groben Stoffen erzählt finden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Appell
- O, möchten Bürge diese Kränze werden
- Bildsprache
- So, auf die rauhen Säcke, sonst verkannt, Streut wie versöhnend tausend bunte Blüthen
- Hyperbel
- An jedem eine bittre Thränenquelle
- Kontrast
- Der Thränen Spur, wohl ist sie auszutilgen, Doch ach, ihr Quell rinnt stets noch unversiecht!
- Metapher
- Daß auf den Schätzen, die der West uns sendet, Nicht mehr des Schwarzen bittre Thräne blinkt
- Personifikation
- Nicht mehr der schwarzen Schwestern Leid erzählt
- Rhetorische Frage
- Soll das Geweb' nur sich mit Blumen schmücken, Indess' im Sclavenbann der Weber liegt?
- Symbolik
- Daß euch, ihr Frau'n, wenn eure Hand behende Die Nadel führt, die bunten Farben wählt