Der Sclavin Teppich (1)

Luise Büchner

1821

Der Morgen graut in jener fernen Zone, Wo sich um Palmen die Liane schlingt, Wo in dem Schatten grünender Bananen Am klaren Quell das schlanke Lama trinkt; Und aus des reichen Pflanzers offner Pforte Zieht Paar um Paar der Schwarzen Schaar heraus, Zu bringen heut′ des Hanfes reiche Ernte Dem weißen Manne in sein stattlich Haus.

Die letzt′ im Zug, mit trüb gesenktem Auge, Geht langsam eine junge Negerin, Zum ersten Mal thut heut′ sie Sclavendienste Und blicket weinend auf die Halme hin: »Wie euch, ihr Pflanzen, von der warmen Erde, Der ihr entsprießt, jetzt löset meine Hand, So riß man grausam unter tausend Thränen Mich los von dem geliebten Vaterland!«

Am Mittag sitzt sie in der kühlen Halle, Die Klag′ auf′s Neu′ von ihren Lippen bebt, Indess′ sie aus des Hanfes zähen Fasern Ein rauh′ Geflecht mit fleiß′gem Finger webt: »Sonst saß ich froh im Kreise der Gespielen, Zu dienen, ach! ist jetzt mein traurig Loos, Nicht mehr geachtet von den weißen Menschen, Als dieses roh′ Gespinnst in meinem Schooß.

Die Früchte, die dem fremden Land sie rauben, Sie drin versenden in ihr heimisch Reich, Wie ich hierher von ferner Meeresküste Geschleppt bin, einer nied′ren Waare gleich! O, dieses Tuch, dürft′ es die Thränen künden, Die hier ich wein′ um mein verlor′nes Glück« - Die Glocke tönt - der Hüter holt von dannen Des schwarzen Mädchens erstes Sclavenstück!

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Illustration zu Der Sclavin Teppich (1)

Interpretation

Das Gedicht "Der Sclavin Teppich (1)" von Luise Büchner beschreibt die traurige Geschichte einer jungen schwarzen Sklavin, die in einer fernen Zone in der Nähe von Palmen und Bananenbäumen lebt. Es zeigt den Morgen, an dem eine Schar schwarzer Sklaven aus der offenen Pforte eines reichen Pflanzers zieht, um die reiche Ernte des Hanfes zum stattlichen Haus des weißen Mannes zu bringen. Die junge Sklavin geht langsam und mit gesenktem Blick, da sie zum ersten Mal Sklavendienste leisten muss und weinend auf die Halme blickt. Sie vergleicht sich mit den Pflanzen, die von der Erde gelöst werden, und erinnert sich an ihre grausame Trennung von ihrem geliebten Vaterland. Am Mittag sitzt die Sklavin in der kühlen Halle und webt ein grobes Geflecht aus den zähen Fasern des Hanfes. Sie klagt erneut über ihr trauriges Los, da sie nicht mehr von den weißen Menschen geachtet wird als dieses grobe Gespinst in ihrem Schoß. Sie erinnert sich an die Zeit, als sie froh im Kreis ihrer Gespielinnen saß und nicht dienen musste. Die Früchte, die dem fremden Land geraubt wurden, werden in ihr Heimatland geschickt, während sie selbst wie eine niedere Ware von einer fernen Meeresküste hierher gebracht wurde. Sie wünscht sich, dass das Tuch ihre Tränen zeigen könnte, die sie um ihr verlorenes Glück weint. Die Glocke ertönt und der Hüter holt das erste Sklavenerzeugnis des schwarzen Mädchens von dort weg. Das Gedicht verdeutlicht die Ausbeutung und den Verlust der Freiheit der Sklavin, die in einem fremden Land arbeiten muss und ihre Heimat und ihr Glück verloren hat. Es zeigt die Ungerechtigkeit und den Schmerz, den die Sklaverei mit sich bringt, und verdeutlicht die Trauer und Sehnsucht der jungen Sklavin nach ihrer verlorenen Heimat.

Schlüsselwörter

paar schwarzen heut hanfes weißen thränen morgen graut

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Zieht Paar um Paar der Schwarzen Schaar heraus
Bildsprache
Wo in dem Schatten grünender Bananen Am klaren Quell das schlanke Lama trinkt
Kontrast
Sonst saß ich froh im Kreise der Gespielen, Zu dienen, ach! ist jetzt mein traurig Loos
Metapher
Des schwarzen Mädchens erstes Sclavenstück
Personifikation
Geht langsam eine junge Negerin
Vergleich
Gleich einer nied′ren Waare