Der Schwur
Du willst es, eine ewge Treu
Soll ich dir, schöne Doris, schwören:
Du dringst darauf? wohlan es sey!
Doch mußt du meinen Wunsch erhören.
Eh hasse Freud und Jugend mich,
Eh sey mein Wein von Wasser trübe;
Eh ich nicht, schöne Doris, dich – –
Wie alle Mädchen ewig liebe.
Der Weisen unsrer Zeit nicht ein?
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Schwur“ von Christian Felix Weiße ist eine ironische und humorvolle Auseinandersetzung mit dem Konzept des ewigen Liebesschwurs, verpackt in einer scheinbar romantischen Form. Der Dichter nutzt rhetorische Fragen und das Spiel mit negativen Bedingungen, um die Unmöglichkeit und Absurdität eines solchen Schwurs zu unterstreichen. Die direkte Ansprache an „Doris“ verleiht dem Gedicht eine persönliche Note und macht die Ironie umso deutlicher.
Der erste Teil des Gedichts beginnt mit einer scheinbaren Hingabe: Der Sprecher ist bereit, Doris ewige Treue zu schwören, da sie es wünscht. Allerdings setzt er sofort eine Bedingung: Doris muss seinen Wunsch erfüllen. Was dieser Wunsch ist, bleibt zunächst im Dunkeln. In den darauffolgenden Versen nutzt der Sprecher eine Reihe von negativen Konditionen, um zu verdeutlichen, was eher eintreten soll, als dass er Doris jemals „ewig“ lieben kann. Diese Aufzählung von Unwahrscheinlichkeiten, wie der Hass von Freud und Jugend oder trüber Wein, verstärkt die Ironie.
Die Wiederholung der Zeile „Eh ich nicht, schöne Doris, dich“ vor dem letzten Satzteil erzeugt eine Spannung, die durch die unerwartete Auflösung enttäuscht wird. Die Verwendung des Gedankenstrichs suggeriert einen Moment der Reflexion, der dann in einer unerwarteten Wendung endet: „Wie alle Mädchen ewig liebe.“ Dieser Satz entlarvt die wahre Absicht des Sprechers. Er scheint sich nicht von den anderen Verehrern zu unterscheiden und die Liebe, die er vorgibt zu empfinden, scheint austauschbar und wenig bedeutsam zu sein.
Weiße spielt hier mit dem klassischen Liebesmotiv und kehrt es auf humorvolle Weise um. Das Gedicht ist ein frühes Beispiel für die Romantik, in der Gefühle thematisiert werden und die Erwartungen an die Liebe hinterfragt werden. Es dient als eine Art Anti-Liebeserklärung, in der die Konventionalität und der übertriebene Anspruch auf ewige Treue auf spielerische Art und Weise kritisiert werden. Die abschließende rhetorische Frage „Der Weisen unsrer Zeit nicht ein?“ deutet auf eine Kritik an der zeitgenössischen Moral und den gesellschaftlichen Konventionen hin, die den Liebesschwur verlangen.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.