Der Schwester Traum
1825Sie schläft. - Es ist die letzte Nacht des Jahres, Und wenn die Morgenglocken wieder tönen, Grüßt eine neue Zeit das holde Kind.
Man sagt, in dieser letzten Mitternacht Entsteigen ihren Gräbern manche Schatten, Die Seelen schweben von dem Himmel nieder, Die Heimat und die Freunde zu besuchen. Auch sie gedachte dieser alten Sage, Als sie im stillen, einsamen Gemach Die Ruhe suchte, und den schönen Augen Entströmten Tränen. Doch, nicht kind′sche Angst Vor der geheimnisvollen Wiederkehr Geschiedner Geister trübte ihre Blicke; Nein, die Erinnrung an geliebte Schatten, Die Wehmut um so manches teure Grab Senkte sich nieder in die stille Seele; Sie hat für sie gebetet und geweint.
Sie schlummert; und es nahen die Verlornen, Die schönen Toten, ihrem stillen Lager, Die Schwestern ihrer Jugend stehen auf Von einer Welt, wo keine Blüte stirbt.
Erkennst du sie? Du siehst sie nimmer wieder Als blühende, als irdische Gestalten; Nicht wie sie Blumen pflückten, Kränze banden, Nicht wie sie um den trauten Winterherd Die schaurig-schönen Märchen dir erzählten, Nicht wie du ihnen unter Lust und Scherz Zum Maienfest die schönen Haare flochtest - Dies alles blieb in ihrem frühen Grab. Sie nahen dir mit geisterhaftem Schimmer, Umstrahlt von heil′gem, überird′schem Glanz. Doch, sind die Blütenkränze abgestreift, Ist ihrer Jugend Schmuck im Sarg zerfallen, Sie bringen doch die alte Liebe mit, Und sanfter, als in ihrer Erdenschöne, Und weich und zärtlich wie der Lampe Licht, Das deine milden Züge still umschwebt, Sind sie genaht, und deinem geist′gen Blick Begegnen grüßend ihre lichten Augen, Von Strahlen der Unsterblichkeit gefüllt.
Sie segnen dich; von ihren heil′gen Lippen Ertönt es wie der Äolsharfe Ton, Wenn lieblich flüsternd durch die feinen Saiten Der Hauch des Abends weht: »Geliebte Schwester, Wir denken deiner und wir sind dir nah, Und segnend schweben wir um deine Tritte, Sooft dein Aug im schönen Morgenrot, Im heitern Blau des Mittags sich ergeht, Trifft uns dein Blick; siehst du den Wölkchen nach, Die in dem Meer der Abendröte segeln, Dort schiffen wir; und auf des Mondes Strahl, Der mild und freundlich in dein Fenster fällt, Entschweben wir von deinem stillen Lager Mit deinen Tränen nach den sel′gen Höhn.«
So flüstern sie und neigen sich herab, Die Stirn der teuern Schlafenden zu küssen Und dann beflügelt, eh sie schnell erwacht, Eh ihre Augen die Erscheinung haschen, Im milden Strahl des Mondes aufzuschweben Nach sel′gen Höhn. Ja dort, wo anders fände Die Schwesterliebe ihre ew′ge Heimat? So stürmisch nicht, nicht so voll hoher Worte Wie Bruderliebe, doch nicht minder tief, Gleicht sie dem Bergsee, der in heil′ger Stille Den Himmel und die friedlichen Gestade Getreuer widerspiegelt als der Bergstrom, Der Bild und Ufer in sein Bett begräbt.
Ja, tief und heilig ist die Schwesterliebe Und zarter, rührender erscheint sie kaum, Als wenn sie über Gräbern noch sich findet, Wenn sie den Himmel an die Erde bindet, Und Tote leben in der Schwester Traum.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Schwester Traum" von Wilhelm Hauff erzählt von einer jungen Frau, die in der letzten Nacht des Jahres schläft und von den Seelen verstorbener Schwestern träumt. Die Atmosphäre ist von Wehmut und Sehnsucht geprägt, da die Protagonistin an die verstorbenen Schwestern denkt und für sie gebetet hat. Die Seelen erscheinen ihr im Traum, strahlend und geisterhaft, um sie zu segnen und ihr zu versichern, dass sie immer in ihrer Nähe sind. Die Verstorbenen werden als sanfte und liebevolle Wesen dargestellt, die der Träumenden Trost spenden. Sie versprechen, ihr in jedem Moment des Tages beizustehen und sie zu begleiten. Die Schwesternliebe wird als tief und heilig beschrieben, vergleichbar mit einem stillen Bergsee, der den Himmel und die Ufer getreu widerspiegelt. Diese Liebe überwindet den Tod und verbindet die Lebenden mit den Verstorbenen, indem sie den Himmel an die Erde bindet und den Toten im Traum ein neues Leben schenkt. Die poetische Sprache und die metaphorische Darstellung der Seelen als sanfte, leuchtende Wesen verleihen dem Gedicht eine mystische und tröstliche Atmosphäre. Die Schwesterliebe wird als eine ewige und tiefe Verbindung dargestellt, die selbst den Tod überdauert und den Hinterbliebenen Trost und Hoffnung spendet. Das Gedicht vermittelt eine Botschaft der unsterblichen Liebe und der Verbundenheit zwischen den Lebenden und den Toten.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- blühende, als irdische Gestalten
- Apostrophe
- Geliebte Schwester
- Enjambement
- Sie schläft. - Es ist die letzte Nacht des Jahres, Und wenn die Morgenglocken wieder tönen, Grüßt eine neue Zeit das holde Kind.
- Hyperbel
- Die Schwesterliebe ihre ewige Heimat
- Metapher
- Die Schwesterliebe gleicht dem Bergsee
- Personifikation
- Die Seelen schweben von dem Himmel nieder
- Symbolik
- Die letzte Nacht des Jahres
- Vergleich
- Und weich und zärtlich wie der Lampe Licht