Der schwarze Tod
1862Erzittre Welt, ich bin die Pest, ich komm′ in alle Lande und richte mir ein großes Fest, mein Blick ist Fieber, feuerfest und schwarz ist mein Gewande.
Ich komme vom Ägyptenland in roten Nebelschleiern, am Nilusstrand im gelben Sand entsog ich Gift dem Wüstenbrand und Gift aus Dracheneiern.
Talein und aus, bergauf und ab, ich mäh′ zur öden Heide die Welt mit meinem Wanderstab, ich setz′ vor jedes Haus ein Grab und eine Trauerweide.
Ich bin der große Völkertod, ich bin das große Sterben, Es geht vor mir die Wassernot, ich bringe mit das teure Brot, den Krieg tu′ ich beerben.
Es hilft euch nichts, wie weit ihr floh′t, ich bin ein schneller Schreiter, ich bin der schnelle schwarze Tod, ich überhol′ das schnellste Boot und auch den schnellsten Reiter.
Dem Kaufmann trägt man mich ins Haus zugleich mit seiner Ware; er freut sich hoch, er lacht beim Schmaus, ich steig′ aus seinem Schatz heraus und streck′ ihn auf die Bahre.
Mir ist auf hohem Felsvorsprung kein Schloß zu hoch, ich komme; mir ist kein junges Blut zu jung, kein Leib ist mir gesund genung, mir ist kein Herz zu fromme.
Wem ich nur schau′ ins Aug′ hinein, der mag kein Licht mehr sehen; wem ich gesegnet Brot und Wein, den hungert nur nach Staub allein, den durstet′s, heimzugehen.
Im Osten starb der große Chan, auf Indiens Zimmetinseln starb Negerfürst und Muselmann, man hört auch nachts in Ispahan beim Aas die Hunde winseln.
Byzanz war eine schöne Stadt, und blühend lag Venedig; nun liegt das Volk wie welkes Blatt, und wer das Laub zu sammlen hat, wird auch der Mühe ledig.
An Nordlands letztem Felsenriff in einen kleinen Hafen warf ich ein ausgestorbnes Schiff, und alles, was mein Hauch ergriff, das mußte schlafen, schlafen.
Sie liegen in der Stadt umher; ob Tag′ und Monde schwinden, es zählt kein Mensch die Stunden mehr - nach Jahren wird man öd′ und leer die Stadt der Toten finden.
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Interpretation
Das Gedicht "Der schwarze Tod" von Hermann Lingg thematisiert die verheerende Wirkung der Pest im Mittelalter. Der Sprecher, personifiziert als die Pest selbst, beschreibt seine allgegenwärtige und unaufhaltsame Natur. Er verbreitet sich in allen Ländern und richtet ein "großes Fest", was die Zerstörung und den Tod symbolisiert, den er bringt. Die Pest wird als eine mächtige Kraft dargestellt, die keine Grenzen kennt und sowohl die Reichen als auch die Armen, die Jungen und die Alten gleichermaßen befällt. Die Pest wird als ein unaufhaltsames und tödliches Wesen beschrieben, das aus Ägypten kommt und sich schnell in der Welt ausbreitet. Sie wird als "schneller Schreiter" bezeichnet, der selbst die schnellsten Boote und Reiter überholt. Die Pest bringt nicht nur den Tod, sondern auch andere Katastrophen wie Wassermangel, teures Brot und Krieg. Sie trifft die Menschen unerwartet und gnadenlos, ohne Rücksicht auf ihren Status oder ihre Gesundheit. Das Gedicht endet mit einer düsteren Beschreibung der Auswirkungen der Pest auf verschiedene Städte und Regionen. Die einst blühenden Städte Byzanz und Venedig liegen nun in Trümmern, und die Menschen sterben wie welkes Laub. Die Pest hinterlässt eine öde und leere Stadt der Toten, in der die Zeit stillzustehen scheint. Das Gedicht vermittelt die unausweichliche und verheerende Natur der Pest, die die Welt im Mittelalter heimsuchte und unzählige Menschenleben forderte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- nach Jahren wird man öd und leer
- Hyperbel
- nach Jahren wird man öd und leer die Stadt der Toten finden
- Metapher
- Stadt der Toten
- Personifikation
- Erzittre Welt, ich bin die Pest