Der Schloßelf
1797In monderhellten Weihers Glanz Liegt brütend wie ein Wasserdrach Das Schloß mit seinem Zackenkranz, Mit Zinnenmoos und Schuppendach. Die alten Eichen stehn von fern, Respektvoll flüsternd mit den Wellen, Wie eine graue Garde gern Sich mag um graue Herrscher stellen.
Am Tore schwenkt, ein Steinkoloß, Der Pannerherr die Kreuzesfahn, Und courbettierend schnaubt sein Roß Jahrhunderte schon himmelan; Und neben ihm, ein Tantalus, Lechzt seit Jahrhunderten sein Docke Gesenkten Halses nach dem Fluß, Im dürren Schlunde Mooses Flocke.
Ob längst die Mitternacht verklang, Im Schlosse bleibt es immer wach; Streiflichter gleiten rasch entlang Den Korridor und das Gemach, Zuweilen durch des Hofes Raum Ein hüpfendes Laternchen ziehet; Dann horcht der Wandrer, der am Saum Des Weihers in den Binsen knieet.
»Ave, Maria! stärke sie! Und hilf ihr über diese Nacht!« Ein frommer Bauer ist′s, der früh Sich auf die Wallfahrt hat gemacht. Wohl weiß er, was der Lichterglanz Mag seiner gnädgen Frau bedeuten; Und eifrig läßt den Rosenkranz Er durch die schwielgen Finger gleiten.
Doch durch sein christliches Gebet Manch Heidennebel schwankt und raucht; Ob wirklich, wie die Sage geht, Der Elf sich in den Weiher taucht, So oft dem gräflichen Geschlecht Der erste Sprosse wird geboren? Der Bauer glaubt es nimmer recht, Noch minder hätt er es verschworen.
Scheu blickt er auf - die Nacht ist klar, Und gänzlich nicht gespensterhaft, Gleich drüben an dem Pappelpaar Zählt man die Zweige längs dem Schaft; Doch stille! in dem Eichenrund - Sind das nicht Tritte? - Kindestritte? Er hört wie an dem harten Grund Sich wiegen, kurz und stramm, die Schritte.
Still! still! es raschelt übern Rain, Wie eine Hinde, die im Tau, Beherzt gemacht vom Mondenschein, Vorsichtig äßet längs der Au. Der Bauer stutzt - die Nacht ist licht, Die Blätter glänzen an dem Hagen, Und dennoch - dennoch sieht er nicht, Wen auf ihn zu die Schritte tragen.
Da, langsam knarrend, tut sich auf Das schwere Heck zur rechten Hand, Und, wieder langsam knarrend, drauf Versinkt es in die grüne Wand. Der Bauer ist ein frommer Christ; Er schlägt behend des Kreuzes Zeichen; »Und wenn du auch der Teufel bist, Du mußt mir auf der Wallfahrt weichen!«
Da hui! streift′s ihn, federweich, Da hui! raschelt′s in dem Grün, Da hui! zischt es in den Teich, Daß bläulich Schilf und Binsen glühn, Und wie ein knisterndes Geschoß Fährt an den Grund ein bläulich Feuer; Im Augenblicke wo vom Schloß Ein Schrei verzittert überm Weiher.
Der Alte hat sich vorgebeugt, Ihm ist als schimmre, wie durch Glas, Ein Kindesleib, phosphorisch, feucht, Und dämmernd wie verlöschend Gas; Ein Arm zerrinnt, ein Aug verglimmt - Lag denn ein Glühwurm in den Binsen? Ein langes Fadenhaar verschwimmt, - Am Ende scheinen′s Wasserlinsen!
Der Bauer starrt, hinab, hinauf, Bald in den Teich, bald in die Nacht; Da klirrt ein Fenster drüben auf, Und eine Stimme ruft mit Macht: »Nur schnell gesattelt! schnell zur Stadt! Gebt dem Polacken Gert und Sporen! Viktoria! soeben hat Die Gräfin einen Sohn geboren!«
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Interpretation
Das Gedicht "Der Schlüssel" von Annette von Droste-Hülshoff handelt von einem Schloss, das in einer mondhellen Nacht von Geheimnissen und Legenden umgeben ist. Das Schloss wird als ein Ort voller Magie und Mystik dargestellt, mit einem Drachen auf dem Wasser und einer grauen Garde von Eichen, die respektvoll um die Herrscher stehen. Der Pannerherr und sein Pferd werden als steinerne Wächter beschrieben, während ein Tantalus-Docke seit Jahrhunderten nach dem Fluss lechzt. Im Laufe der Nacht beobachtet ein frommer Bauer, der auf einer Wallfahrt ist, seltsame Lichter und Geräusche um das Schloss. Er betet für die Gräfin und glaubt, dass die Lichter ein Zeichen für ihre Schwangerschaft sind. Trotz seiner christlichen Überzeugungen lässt er sich von den heidnischen Nebeln und Legenden beeinflussen, die sich um das Schloss ranken. Er hört Schritte und Rascheln, sieht aber niemanden, bis sich ein Tor öffnet und ein geheimnisvolles Wesen an ihm vorbeistreift. Am Ende des Gedichts wird die Geburt des Grafensohnes verkündet, was die Legende vom Elf, der sich in den Weiher taucht, wenn ein Spross des Geschlechts geboren wird, bestätigt. Der Bauer ist verwirrt von dem, was er gesehen hat, und fragt sich, ob es wirklich ein Kind war oder nur eine Illusion. Das Gedicht endet mit einem Gefühl von Geheimnis und Ungewissheit, das den Leser zum Nachdenken über die Grenzen zwischen Realität und Mythos anregt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schei blickt er auf - die Nacht ist klar
- Bildsprache
- Federweich, raschelt's in dem Grün
- Enjambement
- Da klirrt ein Fenster drüben auf, Und eine Stimme ruft mit Macht
- Hyperbel
- Jahrhunderte schon himmelan
- Ironie
- Und wenn du auch der Teufel bist, Du mußt mir auf der Wallfahrt weichen!
- Kontrast
- Die Nacht ist klar, Und gänzlich nicht gespensterhaft
- Metapher
- Das Schloß mit seinem Zackenkranz, Mit Zinnenmoos und Schuppendach
- Personifikation
- Die alten Eichen stehn von fern, Respektvoll flüsternd mit den Wellen
- Symbolik
- Ave, Maria! stärke sie! Und hilf ihr über diese Nacht!
- Vergleich
- Liegt brütend wie ein Wasserdrach