Der schlimmste Feind

Georg Herwegh

1817

Dies Volk, das seine Bäume wieder Bis in den Himmel wachsen sieht Und auf der Erde platt und bieder Am Knechtschaftskarren weiter zieht;

Dies Volk, das auf die Weisheit dessen Vertraut, der Ross und Reiter hält, Und mit Ergebenheitsadressen Frisch, fromm und fröhlich rückt ins Feld;

Dies Volk, das einst aus Cäsars Schüssel Und Becher sich so gern erfrischt Und sich, wie Mommsen, seinen Rüssel An Cäsars Tischtuch abgewischt;

Dies Volk, das gegen Blut und Eisen Jungfräulich schüchtern sich geziert, Um schließlich den Erfolg zu preisen, Womit man Straßburg bombardiert.

Dies Volk, das im gemeinen Kitzel Der Macht das neue Heil erblickt Und als “Erzieher” seine Spitzel Den unterjochten “Brüdern” schickt.

Die Alten, Lieben, Wohlbekannten Von Anno Sechsundsechzig her, Schafott- und Bundesbeil-Votanten, Sie schüfen Deutschland? - Nimmermehr!

Sie werden mit verschmitzten Händen Entreißen euch des Sieges Frucht; Sie werden euren Lorbeer schänden, Dass euch die ganze Welt verflucht!

Frankreichs gekrönter Possenreißer Wird nach Paris zurückgebracht; Euch holt man einen Heldenkaiser Aus mittelalterlicher Nacht.

Das Blut von Wörth, das Blut von Spichern, Von Mars-la-Tour und Gravelotte, Einheit und Freiheit sollt es sichern - Einheit und Freiheit? Großer Gott!

Ein Amboss unter einem Hammer, Geeinigt wird Alt-Deutschland stehn; Dem Rausche folgt ein Katzenjammer, Dass euch die Augen übergehn.

Mit patriotischem Ergötzen Habt ihr Viktoria geknallt; Der Rest ist Schweigen oder Lötzen, Kriegsidiotentum, Gewalt.

Es wird die Fuchtel mit der Knute Die Heilige Allianz erneun; Europa kann am Übermute Siegreicher Junker sich erfreun.

Gleich Kindern lasst ihr euch betrügen, Bis ihr zu spät erkennt, o weh! - Die Wacht am Rhein wird nicht genügen, Der schlimmste Feind steht an der Spree.

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Illustration zu Der schlimmste Feind

Interpretation

Das Gedicht "Der schlimmste Feind" von Georg Herwegh ist eine scharfe Kritik an der deutschen Nation und ihrer Führung nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Herwegh wirft dem Volk vor, naiv und unkritisch zu sein, sich von der Macht blenden zu lassen und sich von autoritären Strukturen leiten zu lassen. Er kritisiert die Abhängigkeit von starken Führern und die Bereitschaft, für deren Interessen in den Krieg zu ziehen. Herwegh deutet an, dass das Volk von seiner eigenen Regierung manipuliert wird und dass die Errungenschaften des Krieges, wie Einheit und Freiheit, nicht eintreten werden. Herwegh prophezeit, dass die alten Eliten, die er als "Schafott- und Bundesbeil-Votanten" bezeichnet, die Früchte des Sieges an sich reißen und den Lorbeer des Volkes beschmutzen werden. Er warnt davor, dass die Rückkehr Napoleons III. nach Paris und die Ernennung eines "Heldenkaisers" aus dem Mittelalter keine wirkliche Freiheit bringen werden. Das Blut, das in Schlachten wie Wörth, Spichern, Mars-la-Tour und Gravelotte vergossen wurde, wird seiner Meinung nach nicht für Einheit und Freiheit gesorgt haben, sondern nur für eine oberflächliche Einheit unter Zwang. Das Gedicht endet mit einer düsteren Prognose: Die patriotische Begeisterung wird einem Kater weichen, und die Heilige Allianz wird durch die "Fuchtel mit der Knute" erneuert. Herwegh warnt das Volk davor, sich täuschen zu lassen, und deutet an, dass der wahre Feind nicht außerhalb, sondern innerhalb Deutschlands zu finden ist – an der Spree, dem Fluss, der durch Berlin fließt, dem Sitz der preußischen Macht. Herweghs Gedicht ist eine Warnung vor den Gefahren des Nationalismus und der unkontrollierten Macht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Die Wacht am Rhein wird nicht genügen, Der schlimmste Feind steht an der Spree
Personifikation
Dies Volk, das auf die Weisheit dessen Vertraut, der Ross und Reiter hält