Der Schlaf, unser Schlaf ist ausgestorben...
1892Der Schlaf, unser Schlaf ist ausgestorben, Das Auge Gottes thront, rote Seidenschleier sein Lid. Die Nachstellungen der Mandarinen schrecken uns nicht mehr. Esel und Öchslein wohnen zu unseren Füßen im Bett Und reden bequem wie zu Weihnachten in Bethlehem.
Der Graf von Agaz reitet auf einem Leilaken: o Greco! Der Flügel eines Engels hängt rosenrot aus einer Wolke. Mit grünem Gockelschopf trittst du auf in den Kabaretten. Deine Kinderstirne, ist zahm vor mir. Du bist ein Tüchlein aus Purpur.
Eine Gloriole von jungen Löwen ist um deinen Kopf. Deine Lippen sind Schaufelräder des Lebens. Die Gespenster der Messe rouge essen aus deiner Hand. Bubu von Montparnasse und Jesus von Nazareth Staunen ob deiner Inbrunst Fahnenversammlung.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Schlaf, unser Schlaf ist ausgestorben..." von Hugo Ball beschreibt eine surreale und traumhafte Welt, in der die Realität verzerrt und verschoben erscheint. Der Schlaf, ein Symbol für Ruhe und Geborgenheit, ist ausgestorben, was auf eine unruhige und beunruhigende Atmosphäre hindeutet. Das Auge Gottes, das auf einem roten Seidenschleier thront, vermittelt eine göttliche Präsenz, die jedoch auch eine bedrohliche oder überwachende Komponente haben könnte. Die Erwähnung der Mandarinen und der Tiere im Bett, die wie zu Weihnachten in Bethlehem reden, schafft eine bizarre und unheimliche Szenerie, die an die Geburt Jesu erinnert, aber in einem grotesken Kontext. Der Graf von Agaz, der auf einem Leilaken reitet, und der Engel mit dem rosenroten Flügel, der aus einer Wolke hängt, tragen zur surrealen Atmosphäre bei. Diese Figuren und Symbole scheinen aus verschiedenen Zeiten und Kulturen zu stammen und werden in einem modernen, chaotischen Kontext präsentiert. Die Erwähnung von "Greco" und die grüne Haarpracht, die in den Kabaretten auftritt, könnten auf den spanischen Maler El Greco und die bohemische Künstlerszene anspielen, was auf eine Vermischung von Hochkultur und Unterhaltung hindeutet. Die Beschreibung der Person, die als "Tüchlein aus Purpur" bezeichnet wird, mit einer Gloriole von jungen Löwen um den Kopf und Lippen, die wie Schaufelräder des Lebens sind, verleiht ihr eine mythische und fast übermenschliche Qualität. Die Anwesenheit von Bubu von Montparnasse und Jesus von Nazareth, die von der Inbrunst der Person staunen, verbindet die moderne Welt mit der religiösen Tradition und schafft eine Brücke zwischen dem Profanen und dem Heiligen. Das Gedicht endet mit einer Versammlung von Fahnen, was auf eine Art kollektive Begeisterung oder einen Aufruf zur Einheit hindeuten könnte, der in der surrealen Welt des Gedichts jedoch seine eigentliche Bedeutung verliert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mandarinen schrecken
- Anspielung
- Bubu von Montparnasse und Jesus von Nazareth
- Bildliche Sprache
- Esel und Öchslein wohnen zu unseren Füßen im Bett
- Metapher
- Deiner Inbrunst Fahnenversammlung
- Personifikation
- Das Auge Gottes thront, rote Seidenschleier sein Lid