Der Schiffbrüchige

Heinrich Heine

1826

Hoffnung und Liebe! Alles zertrümmert! Und ich selber, gleich einer Leiche, Die grollend ausgeworfen das Meer, Lieg ich am Strande, Am öden, kahlen Strande. Vor mir woget die Wasserwüste, Hinter mir liegt nur Kummer und Elend, Und über mich hin ziehen die Wolken, Die formlos grauen Töchter der Luft, Die aus dem Meer, in Nebeleimern, Das Wasser schöpfen, Und es mühsam schleppen und schleppen, Und es wieder verschütten ins Meer, Ein trübes, langweil′ges Geschäft, Und nutzlos, wie mein eignes Leben. |Die Wogen murmeln, die Möwen schrillen, Alte Erinnrungen wehen mich an, Vergessene Träume, erloschene Bilder, Qualvoll süße, tauchen hervor.

Es lebt ein Weib im Norden, Ein schönes Weib, königlich schön. Die schlanke Zypressengestalt

Umschließt ein lüstern weißes Gewand; Die dunkle Lockenfülle, Wie eine selige Nacht, Von dem flechtengekrönten Haupt sich ergießend, Ringelt sich träumerisch süß Um das süße, blasse Antlitz; Und aus dem süßen, blassen Antlitz, Groß und gewaltig, strahlt ein Auge, Wie eine schwarze Sonne.

Oh, du schwarze Sonne, wie oft, Entzückend oft, trank ich aus dir Die wilden Begeistrungsflammen, Und stand und taumelte, feuerberauscht – Dann schwebte ein taubenmildes Lächeln Um die hochgeschürzten, stolzen Lippen, Und die hochgeschürzten, stolzen Lippen Hauchten Worte, süß wie Mondlicht, Und zart wie der Duft der Rose – Und meine Seele erhob sich Und flog, wie ein Aar, hinauf in den Himmel!

Schweigt, ihr Wogen und Möwen! Vorüber ist alles, Glück und Hoffnung, Hoffnung und Liebe! Ich liege am Boden. Ein öder, schiffbrüchiger Mann, Und drücke mein glühendes Antlitz

In den feuchten Sand.

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Illustration zu Der Schiffbrüchige

Interpretation

Das Gedicht "Der Schiffbrüchige" von Heinrich Heine handelt von einem Schiffbrüchigen, der am einsamen Strand liegt und an seine Vergangenheit denkt. Er fühlt sich wie eine Leiche, die das Meer an den Strand gespült hat. Die Umgebung um ihn herum ist karg und öde, das Meer vor ihm und Kummer und Elend hinter ihm. Die Wolken ziehen über ihm hinweg und schöpfen Wasser aus dem Meer, um es dann wieder hinein zu schütten. Dieses Geschäft erscheint dem Schiffbrüchigen ebenso nutzlos wie sein eigenes Leben. In der zweiten Strophe erinnert sich der Schiffbrüchige an eine Frau im Norden, die er einst geliebt hat. Sie war schön und königlich, mit einer schlanken Gestalt und dunklen Locken. Ihr Auge strahlte wie eine schwarze Sonne und entzündete in ihm wilde Begeisterung. Doch nun ist alles vorbei, Glück und Hoffnung sind zertrümmert. Der Schiffbrüchige liegt am Boden und drückt sein glühendes Antlitz in den feuchten Sand. Das Gedicht beschreibt eindrucksvoll die Verzweiflung und Einsamkeit des Schiffbrüchigen, der alles verloren hat. Die Natur um ihn herum spiegelt seine innere Leere und Nutzlosigkeit wider. Die Erinnerung an die geliebte Frau im Norden ist der einzige Lichtblick in seiner dunklen Gegenwart, doch auch diese Erinnerung kann ihn nicht mehr trösten. Das Gedicht endet mit der Resignation des Schiffbrüchigen, der sich seinem Schicksal ergibt und sein Gesicht in den Sand presst.

Schlüsselwörter

hoffnung meer antlitz liebe strande schleppen wogen möwen

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Wortwolke zu Der Schiffbrüchige

Stilmittel

Alliteration
Kummer und Elend
Bildsprache
Die Wogen murmeln, die Möwen schrillen
Enjambement
Ein öder, schiffbrüchiger Mann, Und drücke mein glühendes Antlitz
Hyperbel
Wie eine schwarze Sonne
Kontrast
Qualvoll süße, tauchen hervor
Metapher
Ich selber, gleich einer Leiche
Personifikation
Die formlos grauen Töchter der Luft
Symbolik
Die schwarze Sonne als Symbol für die Augen der Frau
Vergleich
Die schlanke Zypressengestalt
Wiederholung
Hoffnung und Liebe! Alles zertrümmert!