Der Schatten
1804Von Dienern wimmelt’s früh vor Tag, Von Lichtern, in des Grafen Schloß. Die Reiter warten sein am Tor, Es wiehert morgendlich sein Roß.
Doch er bei seiner Frauen steht Alleine noch im hohen Saal: Mit Augen gramvoll prüft er sie, Er spricht sie an zum letztenmal.
»Wirst du, derweil ich ferne bin Bei des Erlösers Grab, o Weib, In Züchten leben und getreu Mir sparen deinen jungen Leib?
Wirst du verschließen Tür und Tor Dem Manne, der uns lang entzweit, Wirst meines Hauses Ehre sein, Wie du nicht warest jederzeit?«
Sie nickt; da spricht er: »Schwöre denn!« Und zögernd hebt sie auf die Hand. Da sieht er bei der Lampe Schein Des Weibes Schatten an der Wand.
Ein Schauer ihn befällt - er sinnt, Er seufzt und wendet sich zumal. Er winkt ihr einen Scheidegruß, Und lässet sie allein im Saal.
Elf Tage war er auf der Fahrt, Ritt krank ins welsche Land hinein: Frau Hilde gab den Tod ihm mit In einem giftigen Becher Wein.
Es liegt eine Herberg an der Straß, Im wilden Tal, heißt Mutintal, Da fiel er hin in Todesnot, Und seine Seele Gott befahl.
Dieselbe Nacht Frau Hilde lauscht, Frau Hilde luget vom Altan: Nach ihrem Buhlen schaut sie aus, Das Pförtlein war ihm aufgetan.
Es tut einen Schlag am vordern Tor, Und aber einen Schlag, daß es dröhnt und hallt; Im Burghof mitten steht der Graf - Vom Turm der Wächter kennt ihn bald.
Und Vogt und Zofen auf dem Gang Den toten Herrn mit Grausen sehn, Sehn ihn die Stiegen stracks herauf Nach seiner Frauen Kammer gehn.
Man hört sie schreien und stürzen hin, Und eine jähe Stille war. Das Gesinde, das flieht, auf die Zinnen es flieht: Da scheinen am Himmel die Sterne so klar.
Und als vergangen war die Nacht, Und stand am Wald das Morgenrot, Sie fanden das Weib in dem Gemach Am Bettfuß unten liegen tot.
Und als sie treten in den Saal, O Wunder! steht an weißer Wand Frau Hildes Schatten, hebet steif Drei Finger an der rechten Hand.
Und da man ihren Leib begrub, Der Schatten blieb am selben Ort, Und blieb, bis daß die Burg zerfiel; Wohl stünd er sonst noch heute dort.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Schatten" von Eduard Mörike erzählt die tragische Geschichte eines Grafen, der seine Frau vor seiner Abreise zur Pilgerfahrt nach Jerusalem auf Treue und Keuschheit schwören lässt. Die Handlung entfaltet sich in einer düsteren, fast märchenhaften Atmosphäre, die von Misstrauen und Verrat geprägt ist. Die Frau, Hilde, nickt zögernd und schwört, doch der Graf bemerkt beim Anblick ihres Schattens an der Wand einen Schauder. Dieses Detail deutet auf sein inneres Unbehagen und möglicherweise auf eine Vorahnung des bevorstehenden Verrats hin. Während der Graf auf seiner Reise erkrankt und stirbt, bleibt Hilde ihrem Geliebten treu. Sie vergiftet ihren Mann und erwartet sehnsüchtig die Rückkehr ihres Liebhabers. Die Handlung nimmt eine übernatürliche Wendung, als der Graf als Geist zurückkehrt und seine Frau in einer nächtlichen Szene konfrontiert. Die Angst und das Entsetzen der Schlossbewohner werden lebhaft beschrieben, während der Graf seine Frau in ihr Zimmer verfolgt. Die Stille, die auf ihre Schreie folgt, und die Flucht des Gesindes auf die Zinnen des Schlosses tragen zur unheimlichen Stimmung bei. Am nächsten Morgen wird Hildes lebloser Körper gefunden, und in einem erstaunlichen Moment entdeckt man ihren Schatten an der Wand, der drei Finger erhoben hält. Dieser Schatten bleibt als Zeichen ihrer Untreue bestehen, selbst nachdem die Burg zerfallen ist. Mörikes Gedicht verwebt Elemente des Übernatürlichen mit einer moralischen Erzählung über Treue und Verrat und hinterlässt einen bleibenden Eindruck durch seine eindringliche Bildsprache und die unheimliche Atmosphäre.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Befehl
- Wirst du verschließen Tür und Tor Dem Manne, der uns lang entzweit, Wirst meines Hauses Ehre sein, Wie du nicht warest jederzeit?
- Bildsprache
- Es wiehert morgendlich sein Roß.
- Frage
- Wirst du, derweil ich ferne bin Bei des Erlösers Grab, o Weib, In Züchten leben und getreu Mir sparen deinen jungen Leib?
- Ironie
- Frau Hilde gab den Tod ihm mit In einem giftigen Becher Wein.
- Kontrast
- Da scheinen am Himmel die Sterne so klar.
- Metapher
- Und da man ihren Leib begrub, Der Schatten blieb am selben Ort.
- Parallelismus
- Und Vogt und Zofen auf dem Gang Den toten Herrn mit Grausen sehn, Sehn ihn die Stiegen stracks herauf Nach seiner Frauen Kammer gehn.
- Personifikation
- Von Lichtern, in des Grafen Schloß.
- Symbolik
- Des Weibes Schatten an der Wand.
- Vorausdeutung
- Ein Schauer ihn befällt - er sinnt, Er seufzt und wendet sich zumal.
- Wiederholung
- Und aber einen Schlag, daß es dröhnt und hallt;