Der Sagenstein
1928Aus Bergen schleicht der Abendhauch, ein Raunen Im wüsten Hain. Das Tannenvolk umringt mit scheuem Staunen Den Sagenstein.
Hier stund ein Schloß; sein Glitzern machte trunken Wie Abendstrahl. Verwunschen wards. Und wo die Pracht versunken, Bezeugt dies Mal.
Verdüstert hockt der Stein/ wie seinen Sorgen Ein Bettler grollt. Verkappter Fürst! Im Grunde dir geborgen Ruht Perl und Gold.
Kein Gräber drang noch durch die Felsenrinde Zum güldnen Schacht. Ein Glimmen winkt nur dem Johanniskinde In Zaubernacht.
Sein Träumeraug erschaut in Höhlenwildnis Den Perlenschrein, Auch marmorweiß ein Königinnen-Bildnis Im Dom von Stein./
Ich kenne sie, die heilgen Heimlichkeiten Der Innenschau. Verwunschen sank auch mir ins Grab der Zeiten Mein Königsbau.
Doch was dereinst an Seligkeit erblühte, Ist nimmer tot; Es bleibt mein Schatz, versunken im Gemüte, Der magisch loht.
Ich selber bin das Schloß mit güldner Tiefe, Der Sagenstein. Und ob ich ganz der Oberwelt entschliefe, Der Traum ist mein.
Die Königin ward diesen heißen Sinnen Hinweggebannt. Verklärt zum Engel weiht sie nun mein Minnen Dem Geisterland.
Als Dom von Tropfgestein soll mich umflechten Die Innenwelt. Braut meiner Jugend, throne mir zur Rechten Im Höhlenzelt!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Der Sagenstein" von Bruno Wille handelt von der tiefen Verbundenheit zwischen dem lyrischen Ich und einem geheimnisvollen Ort, symbolisiert durch den Sagenstein. Der Abendhauch und das Raunen im wüsten Hain schaffen eine mystische Atmosphäre, die den Sagenstein umgibt. Dieser Stein ist Zeuge einer vergangenen Pracht, eines Schlosses, das einst glitzerte und nun in Verwunschenheit versunken ist. Das lyrische Ich identifiziert sich mit dem Sagenstein und sieht in ihm einen verkappten Fürsten, der verborgene Schätze birgt. Die Tiefe des Steins symbolisiert die Tiefe der eigenen Seele, in der sich vergangene Glückseligkeit und magische Schätze erhalten haben. Auch das lyrische Ich hat einen "Königsbau" in sich versunken, der jedoch nicht tot ist, sondern als Schatz im Gemüt weiterlebt. Die Königin, die einst dem lyrischen Ich nahestand, ist nun in die Welt der Geister entrückt. Das lyrische Ich weiht ihr seine Liebe und sieht in ihr ein Engel, der seine Sehnsucht in das Geisterland lenkt. Der Dom von Tropfgestein, der das lyrische Ich umfließen soll, symbolisiert die innere Welt, die es umgibt. Die Braut der Jugend thront zur Rechten im Höhlenzelt und verkörpert die ewige Verbundenheit mit der inneren Welt und den vergangenen Träumen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Höhlenzelt
- Metapher
- Höhlenzelt
- Personifikation
- Aus Bergen schleicht der Abendhauch
- Symbol
- Geisterland