Der Säntis

Annette von Droste-Hülshoff

1797

Frühling

Die Rebe blüht, ihr linder Hauch Durchzieht das tauige Revier, Und nah′ und ferne wiegt die Luft Vielfarb′ger Blumen bunte Zier.

Wie′s um mich gaukelt, wie es summt Von Vogel, Bien′ und Schmetterling, Wie seine seidnen Wimpel regt Der Zweig, so jüngst voll Reifen hing.

Noch sucht man gern den Sonnenschein Und nimmt die trocknen Plätzchen ein; Denn nachts schleicht an die Grenze doch Der landesflücht′ge Winter noch.

O du mein ernst gewalt′ger Greis, Mein Säntis mit der Locke weiß! In Felsenblöcke eingemauert, Von Schneegestöber überschauert, In Eisespanzer eingeschnürt: Hu! wie dich schaudert, wie dich friert!

Sommer

Du gute Linde, schüttle dich! Ein wenig Luft, ein schwacher West! Wo nicht, dann schließe dein Gezweig So recht, daß Blatt an Blatt sich preßt.

Kein Vogel zirpt, es bellt kein Hund; Allein die bunte Fliegenbrut Summt auf und nieder übern Rain Und läßt sich rösten in der Glut.

Sogar der Bäume dunkles Laub Erscheint verdickt und atmet Staub. Ich liege hier wie ausgedorrt Und scheuche kaum die Mücken fort.

O Säntis, Säntis! läg′ ich doch Dort, - grad′ an deinem Felsenjoch, Wo sich die kalten, weißen Decken So frisch und saftig drüben strecken, Viel tausend blanker Tropfen Spiel; Glücksel′ger Säntis, dir ist kühl!

Herbst

Wenn ich an einem schönen Tag Der Mittagsstunde habe acht, Und lehne unter meinem Baum So mitten in der Trauben Pracht:

Wenn die Zeitlose übers Tal Den amethistnen Teppich webt, Auf dem der letzte Schmetterling So schillernd wie der frühste bebt:

Dann denk′ ich wenig drüber nach, Wie′s nun verkümmert Tag für Tag, Und kann mit halbverschlossnem Blick Vom Lenze träumen und von Glück.

Du mit dem frischgefallnen Schnee, Du tust mir in den Augen weh! Willst uns den Winter schon bereiten: Von Schlucht zu Schlucht sieht man ihn gleiten, Und bald, bald wälzt er sich herab Von dir, o Säntis! ödes Grab!

Winter

Aus Schneegestäub′ und Nebelqualm Bricht endlich doch ein klarer Tag; Da fliegen alle Fenster auf, Ein jeder späht, was er vermag.

Ob jene Blöcke Häuser sind? Ein Weiher jener ebne Raum? Fürwahr, in dieser Uniform Den Glockenturm erkennt man kaum;

Und alles Leben liegt zerdrückt, Wie unterm Leichentuch erstickt. Doch schau! an Horizontes Rand Begegnet mir lebend′ges Land.

Du starrer Wächter, laß ihn los Den Föhn aus deiner Kerker Schoß! Wo schwärzlich jene Riffe spalten, Da muß er Quarantäne halten, Der Fremdling aus der Lombardei; O Säntis, gib den Tauwind frei!

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Illustration zu Der Säntis

Interpretation

Das Gedicht "Der Säntis" von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt die verschiedenen Jahreszeiten und ihre Auswirkungen auf die Natur und den Menschen. Im Frühling erwacht die Natur zum Leben, die Rebe blüht und die Luft ist erfüllt von dem Duft der Blumen. Doch noch immer ist der Winter präsent und sucht Zuflucht in den Bergen. Im Sommer herrscht große Hitze und Trockenheit. Die Bäume leiden unter der Glut und selbst die Tiere suchen Schutz vor der Sonne. Der Sprecher sehnt sich nach der kühlen Bergluft und wünscht sich, auf dem Säntis zu sein, wo es noch frisch und saftig ist. Im Herbst wird die Schönheit der Natur betont, wenn der Sprecher unter seinem Baum sitzt und die Traubenpracht genießt. Doch der Winter naht bereits und der Säntis bereitet sich auf die kalte Jahreszeit vor. Im Winter liegt alles unter einer Schneedecke und das Leben scheint erstarrt. Doch am Horizont zeichnet sich ein lebendiges Land ab, das auf den Föhnwind wartet, um den Schnee zu schmelzen und neues Leben zu bringen.

Schlüsselwörter

säntis tag ger winter luft bunte summt vogel

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Von Schneegestöber überschauert
Hyperbel
Von Schlucht zu Schlucht sieht man ihn gleiten
Kontrast
Und alles Leben liegt zerdrückt, Wie unterm Leichentuch erstickt
Metapher
In Eisespanzer eingeschnürt
Personifikation
Du starrer Wächter, laß ihn los Den Föhn aus deiner Kerker Schoß!
Symbolik
O du mein ernst gewalt'ger Greis, Mein Säntis mit der Locke weiß!
Vergleich
Wie seine seidnen Wimpel regt Der Zweig, so jüngst voll Reifen hing