Der Sänger

Johann Wolfgang von Goethe

1783

“Was hör′ ich draußen vor dem Tor, Was auf der Brücke schallen? Laß den Gesang vor unserm Ohr Im Saale widerhallen!” Der König sprach′s, der Page lief; Der Knabe kam, der König rief: “Laßt mir herein den Alten!”

“Gegrüßet seid mir, edle Herrn, Gegrüßt ihr, schöne Damen! Welch reicher Himmel! Stern bei Stern! Wer kennet ihre Namen? Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit Schließt, Augen, euch; hier ist nicht Zeit, Sich staunend zu ergetzen.”

Der Sänger drückt′ die Augen ein Und schlug in vollen Tönen; Die Ritter schauten mutig drein Und in den Schoß die Schönen. Der König, dem das Lied gefiel, Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel, Eine goldne Kette holen.

“Die goldne Kette gib mir nicht, Die Kette gib den Rittern, Vor deren kühnem Angesicht Der Feinde Lanzen splittern; Gib sie dem Kanzler, den du hast, Und laß ihn noch die goldne Last Zu andern Lasten tragen.

Ich singe, wie der Vogel singt, Der in den Zweigen wohnet; Das Lied, das aus der Kehle dringt, Ist Lohn, der reichlich lohnet. Doch darf ich bitten, bitt ich eins: Laß mir den besten Becher Weins In purem Golde reichen.”

Er setzt′ ihn an, er trank ihn aus: “O Trank voll süßer Labe! O wohl dem hochbeglückten Haus, Wo das ist kleine Gabe! Ergeht′s euch wohl, so denkt an mich, Und danket Gott so warm, als ich Für diesen Trunk euch danke.”

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Illustration zu Der Sänger

Interpretation

Das Gedicht "Der Sänger" von Johann Wolfgang von Goethe erzählt von einem Sänger, der vor dem König singt und dabei seine Bescheidenheit und seine Liebe zur Musik zeigt. Der König lädt den Sänger in den Saal ein, um seine Kunst zu würdigen. Der Sänger bittet jedoch darum, im Dunkeln singen zu dürfen, um sich voll auf seine Musik konzentrieren zu können. Während des Gesangs zeigen die Ritter Mut und die Damen Schönheit, was die Atmosphäre im Saal beeinflusst. Der König möchte dem Sänger eine goldene Kette als Belohnung geben, aber der Sänger lehnt ab und bittet stattdessen um einen Becher Wein. Der Sänger erklärt, dass er singt, wie der Vogel in den Zweigen wohnt, und dass das Lied selbst seine Belohnung ist. Er betont, dass er nicht materiellen Reichtum sucht, sondern die Freude am Singen und die Anerkennung durch sein Publikum. Der Sänger bittet lediglich um einen Becher Wein, den er als Zeichen der Gastfreundschaft und als Symbol für das Wohlwollen des Hauses annimmt. Das Gedicht endet mit dem Sänger, der den Wein trinkt und dem König sowie dem gesamten Haus für ihre Gastfreundschaft dankt. Er wünscht ihnen Wohlergehen und bittet sie, an ihn zu denken und Gott für die kleine Gabe zu danken. Das Gedicht verdeutlicht die Bescheidenheit des Sängers und seine Hingabe zur Musik, die über materiellen Reichtum gestellt wird.

Schlüsselwörter

laß könig goldne kette gib stern voll augen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die goldne Kette gib mir nicht, Die Kette gib den Rittern
Anapher
Gegrüßet seid mir, edle Herrn, Gegrüßet ihr, schöne Damen!
Hyperbel
Laß mir den besten Becher Weins In purem Golde reichen.
Ironie
Die goldne Kette gib mir nicht, Die Kette gib den Rittern
Symbolik
Laß mir den besten Becher Weins In purem Golde reichen