Der Roßschweif an der Krippe
1644Ein Landfahrer und Leutebetrüger ist einmal auf Landshut, so eine Stadt in Bayern, ankommen und hat daselbst austrommlen und ausrufen lassen, daß bei ihme eine Wundersach zu sehen seie, nämlich, er habe ein Pferd, welches den Kopf hat, wo andere Roß den Schweif, wer solches schauen will, der muß einen Groschen geben. Die Leute, so mehrerteils dem Vorwitz ergeben, sind in großer Menge zugeloffen. Nachdem nun alle bezahlet, da hat er den Stall eröffnet. Ein jeder wollte fast der erste darin sein, es wurden aber alle diesfalls ziemlich betrogen, maßen er das Pferd im Stall umgekehret und mit dem Schweif am Roßbahrn oder Krippen gebunden. »Da schauet«, sagt er, »andere Pferde haben den Kopf an diesem Ort, mein Roß aber den Schweif«, welches dann nicht ohne Gelächter abgeloffen.
Die Leute und gewinnsichtige Menschen erdenken allerlei Ränke und Betrug, wie sie nur mögen Geld bekommen, sie erwägen dessenthalben nicht weder Gottes Gebot noch der Menschen. Das Geld sollte eigentlich genennet werden Vestra Dominatio, Eure Herrlichkeit, maßen es über die mehreste Menschen herrschet.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Roßschweif an der Krippe" von Abraham a Sancta Clara handelt von einem Betrüger, der in der Stadt Landshut eine Schar von Menschen anlockt, indem er behauptet, ein Pferd zu besitzen, das den Kopf dort hat, wo andere Pferde den Schweif haben. Die neugierigen Menschen zahlen einen Groschen, um dieses angebliche Wunder zu sehen. Doch als der Stall geöffnet wird, wird der Betrug offenbart: Das Pferd steht mit dem Schweif an der Krippe, und der Betrüger erklärt, dass sein Pferd tatsächlich den Schweif an diesem Ort habe. Die Menschen werden somit getäuscht und verlassen den Ort mit Gelächter. Das Gedicht kritisiert die Gier und den Betrug der Menschen, die bereit sind, alles für Geld zu tun, ohne Rücksicht auf Gott oder andere Menschen zu nehmen. Es verdeutlicht, dass Geld oft als "Vestra Dominatio" oder "Eure Herrlichkeit" bezeichnet wird, da es über die meisten Menschen herrscht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Ironie
- Die Leute, so mehrerteils dem Vorwitz ergeben, sind in großer Menge zugeloffen.
- Metapher
- Das Geld sollte eigentlich genennet werden Vestra Dominatio, Eure Herrlichkeit, maßen es über die mehreste Menschen herrschet.
- Satire
- Die Leute und gewinnsichtige Menschen erdenken allerlei Ränke und Betrug, wie sie nur mögen Geld bekommen, sie erwägen dessenthalben nicht weder Gottes Gebot noch der Menschen.