Der Ritt zur Schule

Anastasius Grün

1907

Am Kloster San Lorenzo Ein Bauer leise schellt, Der am verbrämten Zaume Fest seinen Esel hält.

Das Thier wiegt auf dem Kopfe Stolz seinen Federschwall, Als wär’s in seinem Volke Schier Hof- und Feldmarschall.

Es trägt auf seinem Rücken Den Korb von ries’gem Maß, Dazu des Bauers Söhnlein Und Hühnerstall und Faß.

Das Kind steckt in der Kutte Just nach des Paters Schnitt, Der aus der Klosterpforte Gar feierlich jetzt tritt.

So stehn die Zwei beisammen, Wie Löwenkatz’ und Leu, Wie Eidechslein und Kaiman, Wie Goldfischlein und Hai.

»Nehmt, Vater, nehmt mein Söhnlein Mild auf in Lehr’ und Zucht.« »Mein Sohn, sei uns willkommen! Es findet, wer da sucht!«

»Mein Vater, und wer klopfet, Dem wird ja aufgethan; Gern legte sich zu Füßen Euch dieser Puterhahn.«

»Mein Sohn, es ist die wahre, Die fromme Furcht des Herrn, Die in der Nacht des Lebens Erglänzt als heller Stern.«

»Mein Vater, laßt euch munden Den Trank aus diesem Faß; Orvieto’s Fluren quollen Noch nie von süß’rem Naß!«

»Mein Sohn, ‘s ist Nächstenliebe, Die schön das Dasein krönt, Gleichwie die Rebguirlande Dein Schollenfeld verschönt.«

»Mein Vater, Artischocken Und Broccoli, wie die In diesem Korb zu Schocken, So schöne saht ihr nie!«

»Mein Sohn, es ist die Tugend Der Samen, den wir sä’n; O mag das Herz der Jugend Voll ihrer Saaten stehn!«

Auf led’gem Esel trabte Der Bauersmann davon, Der Weisheit Lehre labte Alsbald den zarten Sohn.

Fast hört’ er den schon klagen: »O arge, böse Zeit! Die Tugend wird gesotten In Kesseln, groß und weit!

Und, ach, die Nächstenliebe Verblutet im Kellerverließ! Die Furcht des Herrn, erdrosselt, Brät an dem langen Spieß!«

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Der Ritt zur Schule

Interpretation

Das Gedicht "Der Ritt zur Schule" von Anastasius Grün beschreibt die Ankunft eines Bauersohnes im Kloster San Lorenzo, wo er in die Obhut der Patres gegeben wird. Die Szene ist geprägt von einer Mischung aus ländlicher Einfachheit und geistlicher Feierlichkeit. Der Bauer bringt seinen Sohn, begleitet von einem Esel, der einen Korb, einen Hühnerstall und einen Fass trägt, zum Kloster. Die Patres empfangen den Jungen mit warmen Worten und symbolischen Anspielungen auf christliche Tugenden wie Nächstenliebe, Furcht des Herrn und die Bedeutung von Bildung. Die Interaktion zwischen dem Bauern und den Patres ist von einer tiefen Symbolik durchdrungen. Der Bauer bietet Geschenke an – einen Hahn, Wein aus dem Fass und Gemüse aus dem Korb –, die als Metaphern für die Tugenden dienen, die der Junge im Kloster erlernen soll. Die Patres antworten mit geistlichen Lehren, die die Bedeutung dieser Tugenden im Leben betonen. Der Abschied des Bauersohnes vom Vater markiert den Beginn seiner geistlichen Erziehung, die jedoch nicht ohne Kritik an der Welt außerhalb des Klosters bleibt. Das Gedicht endet mit einer ironischen Wendung, als der Junge die Klostermauern hinter sich lässt und die vermeintlichen Tugenden in der "bösen Zeit" in einem negativen Licht sieht. Die Tugend wird "gesotten", die Nächstenliebe "verblutet", und die Furcht des Herrn wird "erdrosselt". Diese Schlusszeilen werfen einen kritischen Blick auf die Diskrepanz zwischen den idealistischen Lehren des Klosters und der harten Realität der Welt. Grün nutzt diese Ironie, um die Spannung zwischen geistlichen Idealen und weltlichen Herausforderungen zu verdeutlichen.

Schlüsselwörter

sohn vater esel korb gem söhnlein faß stehn

Wortwolke

Wortwolke zu Der Ritt zur Schule

Stilmittel

Allegorie
Die Nächstenliebe / Verblutet im Kellerverließ
Alliteration
Der Weisheit Lehre labte / Alsbald den zarten Sohn
Anapher
Mein Vater, und wer klopfet, / Dem wird ja aufgethan
Hyperbel
Die Tugend wird gesotten / In Kesseln, groß und weit
Ironie
Gern legte sich zu Füßen / Euch dieser Puterhahn
Kontrast
Der aus der Klosterpforte / Gar feierlich jetzt tritt
Metapher
Es trägt auf seinem Rücken / Den Korb von ries’gem Maß
Personifikation
Es trägt auf seinem Rücken / Den Korb von ries’gem Maß
Symbolik
Die Furcht des Herrn, erdrosselt, / Brät an dem langen Spieß
Vergleich
So stehn die Zwei beisammen, / Wie Löwenkatz’ und Leu