Der Ring des Polykrates
1797Er stand auf seines Daches Zinnen, Er schaute mit vergnügten Sinnen Auf das beherrschte Samos hin. Dies alles ist mir untertänig, Begann er zu Egyptens König, Gestehe, daß ich glücklich bin.
Du hast der Götter Gunst erfahren! Die vormals deines Gleichen waren, Sie zwingt jetzt deines Szepters Macht. Doch einer lebt noch, sie zu rächen, Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen, Solang des Feindes Auge wacht.
Und eh’ der König noch geendet, Da stellt sich, von Milet gesendet, Ein Bote dem Tyrannen dar: Laß, Herr! des Opfers Düfte steigen Und mit des Lorbeers muntern Zweigen Bekränze dir dein festlich Haar.
Getroffen sank dein Feind vom Speere, Mich sendet mit der frohen Märe Dein treuer Feldherr Polydor - Und nimmt aus einem schwarzen Becken, Noch blutig, zu der Beiden Schrecken, Ein wohlbekanntes Haupt hervor.
Der König tritt zurück mit Grauen: “Doch warn’ ich dich, dem Glück zu trauen, Versetzt er mit besorgtem Blick. Bedenk’, auf ungetreuen Wellen, Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen, Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.”
Und eh’ er noch das Wort gesprochen, Hat ihn der Jubel unterbrochen, Der von der Reede jauchzend schallt. Mit fremden Schätzen reich beladen, Kehrt zu den heimischen Gestaden Der Schiffe mastenreicher Wald.
Der königliche Gast erstaunet: Dein Glück ist heute gut gelaunet, Doch fürchte seinen Unbestand. Der Kreter waffenkund’ge Scharen Bedräuen dich mit Kriegsgefahren, Schon nahe sind sie diesem Strand.
Und eh’ ihm noch das Wort entfallen, Da sieht man’s von den Schiffen wallen, Und tausend Stimmen rufen: Sieg! Von Feindesnot sind wir befreiet, Die Kreter hat der Sturm zerstreuet, Vorbei, geendet ist der Krieg.
Das hört der Gastfreund mit Entsetzen: “Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen, Doch, spricht er, zittr’ ich für dein Heil. Mir grauet vor der Götter Neide, Des Lebens ungemischte Freude Ward keinem Irdischen zu Teil.
Auch mir ist alles wohlgeraten, Bei allen meinen Herrschertaten Begleitet mich des Himmels Huld, Doch hatt’ ich einen teuren Erben, Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben, Dem Glück bezahlt’ ich meine Schuld.
Drum, willst du dich vor Leid bewahren, So flehe zu den Unsichtbaren, Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn. Noch keinen sah ich fröhlich enden, Auf den mit immer vollen Händen Die Götter ihre Gaben streun.
Und wenn’s die Götter nicht gewähren, So acht auf eines Freundes Lehren Und rufe selbst das Unglück her, Und was von allen deinen Schätzen Dein Herz am höchsten mag ergötzen, Das nimm und wirf’s in dieses Meer.”
Und jener spricht, von Furcht beweget: “Von allem was die Insel heget, Ist dieser Ring mein höchstes Gut. Ihn will ich den Erinnen weihen, Ob sie mein Glück mir dann verzeihen.” Und wirft das Kleinod in die Flut.
Und bei des nächsten Morgens Lichte, Da tritt mit fröhlichem Gesichte Ein Fischer vor den Fürsten hin: Herr, diesen Fisch’ hab ich gefangen, Wie keiner noch ins Netz gegangen, Dir zum Geschenke bring ich ihn.
Und als der Koch den Fisch zerteilet, Kommt er bestürzt herbeigeeilet Und ruft mit hocherstauntem Blick: “Sieh, Herr, den Ring, den du getragen, Ihn fand ich in des Fisches Magen, O, ohne Grenzen ist dein Glück!”
Hier wendet sich der Gast mit Grausen: “So kann ich hier nicht ferner hausen, Mein Freund kannst du nicht weiter sein. Die Götter wollen dein Verderben, Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.” Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Ring des Polykrates" von Friedrich von Schiller handelt von der Warnung vor übermäßigem Glück und der Unausweichlichkeit des Schicksals. Polykrates, der tyrannische Herrscher von Samos, wird von Amasis, dem König von Ägypten, besucht. Amasis warnt Polykrates vor der Gefahr, dass die Götter eifersüchtig auf sein übermäßiges Glück reagieren könnten. Trotz aller Warnungen und Bedrohungen scheint Polykrates unaufhaltsam zu sein, bis er schließlich seinem Schicksal nachgibt und seinen wertvollsten Besitz, einen Ring, ins Meer wirft, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Geschichte nimmt eine überraschende Wendung, als ein Fischer Polykrates den gleichen Ring in einem Fisch bringt, den er gefangen hat. Diese unerwartete Rückkehr des Rings verstärkt Amasis' Angst vor dem Schicksal und führt dazu, dass er Polykrates verlässt, da er befürchtet, mit ihm gemeinsam unterzugehen. Das Gedicht verdeutlicht die Idee, dass übermäßiges Glück oft mit einem hohen Preis verbunden ist und dass selbst die Mächtigsten dem Schicksal nicht entkommen können. Schiller nutzt die Geschichte, um die menschliche Natur und die Beziehung zwischen Glück, Schicksal und göttlicher Intervention zu erforschen. Das Gedicht dient als Mahnung, dass übermäßiges Glück oft Neid und Missgunst hervorruft und dass man sich vor den Launen des Schicksals in Acht nehmen sollte. Es betont auch die Bedeutung von Demut und die Notwendigkeit, das Gleichgewicht im Leben zu wahren.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mit fremden Schätzen reich beladen, Kehrt zu den heimischen Gestaden Der Schiffe mastenreicher Wald.
- Anapher
- Und eh' der König noch geendet, Da stellt sich, von Milet gesendet, Ein Bote dem Tyrannen dar: Laß, Herr! des Opfers Düfte steigen Und mit des Lorbeers muntern Zweigen Bekränze dir dein festlich Haar.
- Hyperbel
- O, ohne Grenzen ist dein Glück!
- Ironie
- So kann ich hier nicht ferner hausen, Mein Freund kannst du nicht weiter sein.
- Metapher
- Doch warn' ich dich, dem Glück zu trauen, Versetzt er mit besorgtem Blick.
- Personifikation
- Die Götter wollen dein Verderben
- Symbolik
- Den Ring des Polykrates
- Vorahnung
- Doch einer lebt noch, sie zu rächen, Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen, Solang des Feindes Auge wacht.