Der Rheinwein

Friedrich Gottlieb Klopstock

1724

O du, der Traube Sohn, der im Golde blinkt, Den Freund, sonst Niemand, lad′ in die Kühlung ein. Wir drey sind unser werth, und jener Deutscheren Zeit, da du, edler Alter,

Noch ungekeltert, aber schon feuriger Dem Rheine zuhingst, der dich mit auferzog, Und deiner heissen Berge Füsse Sorgsam mit grünlicher Woge kühlte.

Jetzt, da dein Rücken bald ein Jahrhundert trägt, Verdienest du es, dass man den hohen Geist In dir verstehen lern′, und Kato′s Ernstere Tugend von dir entglühe.

Der Schule Lehrer kennet des Thiers um ihn, Kennt aller Pflanzen Seele. Der Dichter weiss So viel nicht; aber seiner Rose Weibliche Seele, des Weines stärkre,

Den jene kränzt, der flötenden Nachtigall Erfindungsvolle Seele, die seinen Wein Mit ihm besingt, die kennt er besser, Als der Erweis, der von Folgen triefet.

Rheinwein, von ihnen hast du die edelste, Und bist es würdig, dass du des Deutschen Geist Nachahmst! bist glühend, nicht aufflammend, Taumellos, stark, und von leichtem Schaum leer.

Du duftest Balsam, wie mit der Abendluft Der Würze Blume von dem Gestade dampft, Dass selbst der Krämer die Gerüche Athmender trinkt, und nur gleitend fortschift.

Freund, lass die Hall′ uns schliessen; der Lebensduft Verströmet sonst, und etwa ein kluger Mann Möcht′ uns besuchen, breit sich setzen, Und von der Weisheit wohl gar mit sprechen.

Nun sind wir sicher. Engere Wissenschaft, Den hellen Einfall, lehr uns des Alten Geist! Die Sorgen soll er nicht vertreiben! Hast du geweinte, geliebte Sorgen,

Lass mich mit dir sie sorgen. Ich weine mit, Wenn dir ein Freund starb. Nenn ihn. So starb er mir! Das sprach er noch! nun kam das letzte, Letzte Verstummen! nun lag er todt da!

Von allem Kummer, welcher des Sterblichen Kurzsichtig Leben nervenlos niederwirft, Wärst du, des Freundes Tod! der trübste; Wär sie nicht auch die Geliebte sterblich!

Doch wenn dich, Jüngling, andere Sorg entflamt, Und dirs zu heiss wird, dass du der Barden Gang Im Haine noch nicht gingst, dein Name Noch unerhöht mit der grossen Fluth fleusst;

So red′! In Weisheit wandelt sich Ehrbegier, Wählt jene. Thorheit ist es, ein kleines Ziel Das würdigen, zum Ziel zu machen, Nach der unsterblichen Schelle laufen!

Noch viel Verdienst ist übrig. Auf, hab es nur; Die Welt wirds kennen. Aber das edelste Ist Tugend! Meisterwerke werden Sicher unsterblich; die Tugend selten!

Allein sie soll auch Lohn der Unsterblichkeit Entbehren können. Athme nun auf, und trink. Wir reden viel noch, eh des Aufgangs Kühlungen wehen, von grosseu Männern.

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Illustration zu Der Rheinwein

Interpretation

Das Gedicht "Der Rheinwein" von Friedrich Gottlieb Klopstock ist eine Ode an den edlen Tropfen, der nicht nur als Getränk, sondern als Symbol deutscher Kultur und Geschichte verstanden wird. Klopstock preist den Wein als "Trauben Sohn", der im Golde glänzt und nur dem Freund, sonst Niemandem, seine Kühle offenbart. Der Dichter stellt eine Verbindung zwischen dem Wein und der "deutschenren Zeit" her, als der Rhein noch ungekeltert, aber bereits feuriger war. Der Wein wird als reif und weise dargestellt, der die Tugend des Cato verkörpert und den Geist des Deutschen widerspiegelt. Im zweiten Teil des Gedichts vertieft Klopstock die Beziehung zwischen Wein und menschlicher Erfahrung. Er kontrastiert den Schullehrer, der die Seele der Tiere und Pflanzen kennt, mit dem Dichter, der die Seele der Rose und des Weins besser versteht. Der Wein wird als Balsamduft beschrieben, der selbst den Krämer verzaubert. Klopstock lädt den Freund ein, die Halle zu schließen, um den Lebensduft zu bewahren und unerwünschte Besucher fernzuhalten. Der Wein wird zum Medium der Gemeinschaft und des geteilten Wissens, das den Geist des Alten lehrt und die Sorgen teilt. Im letzten Abschnitt des Gedichts wendet sich Klopstock an den jungen Freund, der von anderen Sorgen entflammt sein könnte. Er ermutigt ihn, in Weisheit zu wandeln und die Sehnsucht nach Ruhm zu wählen. Klopstock betont, dass Tugend das edelste Ziel ist, auch wenn sie oft unbelohnt bleibt. Er fordert den Freund auf, aufzuatmen und zu trinken, denn es gibt noch viel zu besprechen über große Männer, bevor die Kühle des Morgens einkehrt. Das Gedicht endet mit der Aufforderung, den Wein zu genießen und über die Tugend und die Unsterblichkeit zu sinnieren.

Schlüsselwörter

freund geist tugend seele viel sorgen sonst kennt

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Stilmittel

Anspielung
und Kato's Ernstere Tugend von dir entglühe
Metapher
von grosseu Männern
Personifikation
den Freund, sonst Niemand, lad' in die Kühlung ein