Der Rhein

Friedrich Hölderlin

1808

An Isaak von Sinclair

Im dunkeln Efeu saß ich, an der Pforte Des Waldes, eben, da der goldene Mittag, Den Quell besuchend, herunterkam Von Treppen des Alpengebirgs, Das mir die göttlichgebaute, Die Burg der Himmlischen heißt Nach alter Meinung, wo aber Geheim noch manches entschieden Zu Menschen gelanget; von da Vernahm ich ohne Vermuten Ein Schicksal, denn noch kaum War mir im warmen Schatten Sich manches beredend, die Seele Italia zu geschweift Und fernhin an die Küsten Moreas.

Jetzt aber, drin im Gebirg, Tief unter den silbernen Gipfeln Und unter fröhlichem Grün, Wo die Wälder schauernd zu ihm, Und der Felsen Häupter übereinander Hinabschaun, taglang, dort Im kältesten Abgrund hört′ Ich um Erlösung jammern Den Jüngling, es hörten ihn, wie er tobt′, Und die Mutter Erd anklagt′, Und den Donnerer, der ihn gezeuget, Erbarmend die Eltern, doch Die Sterblichen flohn von dem Ort, Denn furchtbar war, da lichtlos er In den Fesseln sich wälzte, Das Rasen des Halbgotts.

Die Stimme wars des edelsten der Ströme, Des freigeborenen Rheins, Und anderes hoffte der, als droben von den Brüdern, Dem Tessin und dem Rhodanus, Er schied und wandern wollt′, und ungeduldig ihn Nach Asia trieb die königliche Seele. Doch unverständig ist Das Wünschen vor dem Schicksal. Die Blindesten aber Sind Göttersöhne. Denn es kennet der Mensch Sein Haus und dem Tier ward, wo Es bauen solle, doch jenen ist Der Fehl, daß sie nicht wissen wohin? In die unerfahrne Seele gegeben.

Ein Rätsel ist Reinentsprungenes. Auch Der Gesang kaum darf es enthüllen. Denn Wie du anfingst, wirst du bleiben, So viel auch wirket die Not, Und die Zucht, das meiste nämlich Vermag die Geburt, Und der Lichtstrahl, der Dem Neugebornen begegnet. Wo aber ist einer, Um frei zu bleiben Sein Leben lang, und des Herzens Wunsch Allein zu erfüllen, so Aus günstigen Höhn, wie der Rhein, Und so aus heiligem Schoße Glücklich geboren, wie jener?

Drum ist ein Jauchzen sein Wort. Nicht liebt er, wie andere Kinder, In Wickelbanden zu weinen; Denn wo die Ufer zuerst An die Seit ihm schleichen, die krummen, Und durstig umwindend ihn, Den Unbedachten, zu ziehn Und wohl zu behüten begehren Im eigenen Zahne, lachend Zerreißt er die Schlangen und stürzt Mit der Beut und wenn in der Eil′ Ein Größerer ihn nicht zähmt, Ihn wachsen läßt, wie der Blitz, muß er Die Erde spalten, und wie Bezauberte fliehn Die Wälder ihm nach und zusammensinkend die Berge.

Ein Gott will aber sparen den Söhnen Das eilende Leben und lächelt, Wenn unenthaltsam, aber gehemmt Von heiligen Alpen, ihm In der Tiefe, wie jener, zürnen die Ströme. In solcher Esse wird dann Auch alles Lautre geschmiedet, Und schön ists, wie er drauf, Nachdem er die Berge verlassen, Stillwandelnd sich im deutschen Lande Begnüget und das Sehnen stillt Im guten Geschäfte, wenn er das Land baut, Der Vater Rhein, und liebe Kinder nährt In Städten, die er gegründet.

Doch nimmer, nimmer vergißt ers. Denn eher muß die Wohnung vergehn, Und die Satzung und zum Unbild werden Der Tag der Menschen, ehe vergessen Ein solcher dürfte den Ursprung Und die reine Stimme der Jugend. Wer war es, der zuerst Die Liebesbande verderbt Und Stricke von ihnen gemacht hat? Dann haben des eigenen Rechts Und gewiß des himmlischen Feuers Gespottet die Trotzigen, dann erst Die sterblichen Pfade verachtend Verwegnes erwählt Und den Göttern gleich zu werden getrachtet.

Es haben aber an eigner Unsterblichkeit die Götter genug, und bedürfen Die Himmlischen eines Dings, So sinds Heroën und Menschen Und Sterbliche sonst. Denn weil Die Seligsten nichts fühlen von selbst, Muß wohl, wenn solches zu sagen Erlaubt ist, in der Götter Namen Teilnehmend fühlen ein Andrer, Den brauchen sie; jedoch ihr Gericht Ist, daß sein eigenes Haus Zerbreche der und das Liebste Wie den Feind schelt und sich Vater und Kind Begrabe unter den Trümmern, Wenn einer, wie sie, sein will und nicht Ungleiches dulden, der Schwärmer.

Drum wohl ihm, welcher fand Ein wohlbeschiedenes Schicksal, Wo noch der Wanderungen Und süß der Leiden Erinnerung Aufrauscht am sichern Gestade, Daß da und dorthin gern Er sehn mag bis an die Grenzen, Die bei der Geburt ihm Gott Zum Aufenthalte gezeichnet. Dann ruht er, seligbescheiden, Denn alles, was er gewollt, Das Himmlische, von selber umfängt Es unbezwungen, lächelnd Jetzt, da er ruhet, den Kühnen.

Halbgötter denk′ ich jetzt Und kennen muß ich die Teuern, Weil oft ihr Leben so Die sehnende Brust mir beweget. Wem aber, wie, Rousseau, dir, Unüberwindlich die Seele, Die starkausdauernde, ward, Und sicherer Sinn Und süße Gabe zu hören, Zu reden so, daß er aus heiliger Fülle Wie der Weingott, törig göttlich Und gesetzlos sie die Sprache der Reinesten gibt Verständlich den Guten, aber mit Recht Die Achtungslosen mit Blindheit schlägt Die entweihenden Knechte, wie nenn ich den Fremden?

Die Söhne der Erde sind, wie die Mutter, Alliebend, so empfangen sie auch Mühlos, die Glücklichen, Alles. Drum überraschet es auch Und schröckt den sterblichen Mann, Wenn er den Himmel, den Er mit den liebenden Armen Sich auf die Schultern gehäuft, Und die Last der Freude bedenket; Dann scheint ihm oft das Beste, Fast ganz vergessen da, Wo der Strahl nicht brennt, Im Schatten des Walds Am Bielersee in frischer Grüne zu sein, Und sorglosarm an Tönen, Anfängern gleich, bei Nachtigallen zu lernen.

Und herrlich ists, aus heiligem Schlafe dann Erstehen und, aus Waldes Kühle Erwachend, Abends nun Dem milderen Licht entgegenzugehn, Wenn, der die Berge gebaut Und den Pfad der Ströme gezeichnet, Nachdem er lächelnd auch Der Menschen geschäftiges Leben, Das othemarme, wie Segel Mit seinen Lüften gelenkt hat, Auch ruht und zu der Schülerin jetzt, Der Bildner, Gutes mehr Denn Böses findend, Zur heutigen Erde der Tag sich neiget. -

Dann feiern das Brautfest Menschen und Götter, Es feiern die Lebenden all, Und ausgeglichen Ist eine Weile das Schicksal. Und die Flüchtlinge suchen die Herberg, Und süßen Schlummer die Tapfern, Die Liebenden aber Sind, was sie waren, sie sind Zu Hause, wo die Blume sich freuet Unschädlicher Glut und die finsteren Bäume Der Geist umsäuselt, aber die Unversöhnten Sind umgewandelt und eilen Die Hände sich ehe zu reichen, Bevor das freundliche Licht Hinuntergeht und die Nacht kommt.

Doch einigen eilt Dies schnell vorüber, andere Behalten es länger. Die ewigen Götter sind Voll Lebens allzeit; bis in den Tod Kann aber ein Mensch auch Im Gedächtnis doch das Beste behalten, Und dann erlebt er das Höchste. Nur hat ein jeder sein Maß. Denn schwer ist zu tragen Das Unglück, aber schwerer das Glück. Ein Weiser aber vermocht es Vom Mittag bis in die Mitternacht, Und bis der Morgen erglänzte, Beim Gastmahl helle zu bleiben.

Dir mag auf heißem Pfade unter Tannen oder Im Dunkel des Eichwalds gehüllt In Stahl, mein Sinklair! Gott erscheinen oder In Wolken, du kennst ihn, da du kennest, jugendlich, Des Guten Kraft, und nimmer ist dir Verborgen das Lächeln des Herrschers Bei Tage, wenn Es fieberhaft und angekettet das Lebendige scheinet oder auch Bei Nacht, wenn alles gemischt Ist ordnungslos und wiederkehrt Uralte Verwirrung.

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Illustration zu Der Rhein

Interpretation

Das Gedicht "Der Rhein" von Friedrich Hölderlin ist eine tiefgründige und vielschichtige Ode, die verschiedene Themen und Motive verwebt. Im Zentrum steht der Rhein als Symbol für die Kraft der Natur, die Beständigkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Schicksals. Hölderlin zeichnet ein Bild des Rheins als mächtigen, freien Fluss, der aus den Alpen kommt und durch das deutsche Land fließt, Städte gründet und Leben nährt. Der Fluss wird als Halbgott oder Halbgottssohn dargestellt, der mit einer göttlichen Kraft geboren wurde und seine Bestimmung erfüllt, indem er seinen Weg durch die Landschaft bahnt. Das Gedicht reflektiert auch über die Beziehung zwischen Mensch und Natur, zwischen Sterblichen und Unsterblichen. Hölderlin betont die Unvergleichbarkeit des Rheins, der aus einem "heiligen Schoß" geboren wurde und ein "wohlbeschiedenes Schicksal" gefunden hat. Er kontrastiert dies mit den Menschen, die oft unzufrieden sind und nach etwas streben, das ihnen nicht zusteht. Der Dichter preist diejenigen, die ihr Schicksal annehmen und in Harmonie mit der Natur leben, wie der Rhein, der "stillwandelnd sich im deutschen Lande begnüget". Am Ende des Gedichts wendet sich Hölderlin direkt an Isaak von Sinclair und wünscht ihm, dass Gott ihm erscheinen möge, sei es in der Natur oder in den Wolken. Er betont die Kraft des Guten und die Gegenwart Gottes im Leben, sowohl am Tag als auch in der Nacht. Das

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Den Quell besuchend
Hyperbel
Die göttlichgebaute, die Burg der Himmlischen
Metapher
Das Lächeln des Herrschers
Personifikation
Gott erscheinen