Der Reiter und der Bodensee

Gustav Benjamin Schwab

1826

Der Reiter reitet durchs helle Thal, Auf Schneefeld schimmert der Sonne Strahl.

Er trabet im Schweiß durch den kalten Schnee, Er will noch heut an den Bodensee;

Noch heut mit dem Pferd in den sichern Kahn, Will drüben landen vor Nacht noch an.

Auf schlimmem Weg, über Dorn und Stein, Er braust auf rüstigem Ross feldein.

Aus den Bergen heraus, ins ebene Land, Da sieht er den Schnee sich dehnen, wie Sand.

Weit hinter ihm schwinden Dorf und Stadt, Der Weg wird eben, die Bahn wird glatt.

In weiter Fläche kein Bühl, kein Haus, Die Bäume gingen, die Felsen aus;

So flieget er hin eine Meil′, und zwei, Er hört in den Lüften der Schneegans Schrei;

Es flattert das Wasserhuhn empor, Nicht anderen Laut vernimmt sein Ohr;

Keinen Wandersmann sein Auge schaut, Der ihm den rechten Pfad vertraut.

Fort geht′s, wie auf Samt, auf dem weichen Schnee, Wann rauscht das Wasser, wann glänzt der See?

Da bricht der Abend, der frühe, herein: Von Lichtern blinket ein ferner Schein.

Es hebt aus dem Nebel sich Baum an Baum, Und Hügel schließen den weiten Raum.

Er spürt auf dem Boden Stein und Dorn, Dem Rosse gibt er den scharfen Sporn.

Und Hunde bellen empor am Pferd, Und es winkt im Dorf ihm der warme Herd.

“Willkommen am Fenster, Mägdelein, An den See, an den See, wie weit mag′s sein?”

Die Maid sie staunet den Reiter an: “Der See liegt hinter dir und der Kahn.

Und deckt′ ihn die Rinde von Eis nicht zu, Ich spräch′, aus dem Nachen stiegest du.”

Der Fremde schaudert, er atmet schwer: “Dort hinten die Ebne, die ritt ich her!”

Da recket die Magd die Arm′ in die Höh′: “Herr Gott! so rittest du über den See!

An den Schlund, an die Tiefe bodenlos, Hat gepocht des rasenden Hufes Stoß!

Und unter dir zürnten die Wasser nicht? Nicht krachte hinunter die Rinde dicht?

Und du wardst nicht die Speise der stummen Brut? Der hungrigen Hecht′ in der kalten Flut?”

Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär′, Es stellen die Knaben sich um ihn her;

Die Mütter, die Greise, sie sammeln sich: “Glückseliger Mann, ja, segne du dich!

Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch, Brich mit uns das Brot und iss vom Fisch!”

Der Reiter erstarret auf seinem Pferd, Er hat nur das erste Wort gehört.

Es stocket sein Herz, es sträubt sich sein Haar, Dicht hinter ihm grinst noch die grause Gefahr.

Es siehet sein Blick nur den grässlichen Schlund, Sein Geist versinkt in den schwarzen Grund.

Im Ohr ihm donnerts, wie krachend Eis, Wie die Well′ umrieselt ihn kalter Schweiß.

Da seufzt er, da sinkt er vom Ross herab, Da ward ihm am Ufer ein trocken Grab.

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Illustration zu Der Reiter und der Bodensee

Interpretation

Das Gedicht "Der Reiter und der Bodensee" von Gustav Benjamin Schwab erzählt die schaurige Geschichte eines Reiters, der sich auf dem Weg zum Bodensee befindet. Durch eine schneebedeckte Ebene reitend, bemerkt er nicht, dass er sich bereits auf dem zugefrorenen See befindet. Die Umgebung erscheint ihm unwirklich, und er fragt sich, wann er endlich den See erreichen wird. Als die Dämmerung einsetzt und sich die Umgebung langsam aufklärt, erkennt er seine fatale Lage. Die Magd im Dorf, die er nach dem Weg fragt, offenbart ihm die schreckliche Wahrheit: Er ist bereits über den See geritten, ohne dass das Eis unter ihm gebrochen ist. Die Magd ist fassungslos über sein Glück und fragt sich, warum das Eis nicht gekracht und warum er nicht in die eisige Tiefe gestürzt ist. Die Dorfbewohner versammeln sich um ihn herum und laden ihn ein, sich bei ihnen zu wärmen und zu essen. Doch der Reiter ist wie erstarrt vor Schreck und kann nur an die unmittelbare Gefahr denken, die er gerade überlebt hat. Die Erkenntnis, wie knapp er dem Tod entkommen ist, überwältigt den Reiter. Sein Herz klopft heftig, und ihm steht der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Er sieht nur noch den Abgrund, in den er hätte stürzen können, und hört das Knacken des Eises in seinen Ohren. Die Kälte des Sees scheint ihn noch immer zu umgeben. Schließlich sinkt er vom Pferd und findet am Ufer sein trockenes Grab, ein Symbol für die schmale Grenze zwischen Leben und Tod, die er gerade überschritten hat.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Die Bäume gingen, die Felsen aus
Bildsprache
Auf schlimmem Weg, über Dorn und Stein, Er braust auf rüstigem Ross feldein
Enjambement
Der Reiter reitet durchs helle Thal, Auf Schneefeld schimmert der Sonne Strahl
Hyperbel
Hat gepocht des rasenden Hufes Stoß
Ironie
Glückseliger Mann, ja, segne du dich!
Kontrast
Es flattert das Wasserhuhn empor, Nicht anderen Laut vernimmt sein Ohr
Metapher
Auf schlimmem Weg, über Dorn und Stein
Personifikation
Und unter dir zürnten die Wasser nicht?
Symbolik
Der See als Symbol für Gefahr und Tod
Wiederholung
Der See liegt hinter dir und der Kahn