Der Reiche

Hanns von Gumppenberg

1866

Ihr wollt mich lästern, Ja lächerlich leugnen, Gehirnmikroben Auf euer’m wirbelnden Sandkorn, Weil das alternd Unter euch einbrach Und hunderttausend Von euch begrub? Als hielte mich Anstand und Pflicht, Nach eurer Art Sorglich zu sparen Mit dem, was mein ist! Ihr Bettlerseelen! Wisset ihr denn, wie reich ich bin? Wär’t ihr geworden, Ihr Traurigen alle, Wär’ ich so arm, So knickerig ängstlich, So wählend und zählend vWie euresgleichen? Doch ich bin reich - Darum wurdet auch ihr!

So groß ist mein Reichtum, Daß ich nicht weiß, Wie reich ich bin. Wissen wollt’ ich’s! Und warf, was mein ist, Rings in den Raum - Ball über Ball hinaus, Billionen funkelnder Riesenjuwelen, Sonnenring an Sonnenring, Weltenrad um Weltenrad! Doch keine Grenzen im Raum Fand meine Habe.

Wissen wollt’ ich, wie reich ich bin - Und ich ließ nicht bestehen All’, was da rings in Unendlichkeit Glühte und blitzte und rollte und kreiste! Aber aus steter Vernichtung Band es sich neu In rettender Kraft Und hob sich verjüngt In neuer Form Und regte sich weiter, Und stirbt und ersteht In Ewigkeit!

Meint denn ihr Einzelnen, Armen, Es reue mich, Daß ich euch enden lasse, Wie ich euch schuf? Soll ich nicht sehen und fühlen, Wie reich ich bin? Euch verschwenden will ich, Euch verschwenden kann ich, Keime und Blüten und Früchte, Monde und Erden, Sonnen und Welten, Leiden und Freuden Darf ich vergeuden - Denn ich bin reich!

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Illustration zu Der Reiche

Interpretation

Das Gedicht "Der Reiche" von Hanns von Gumppenberg ist eine tiefgründige Reflexion über Reichtum und Macht aus der Perspektive eines allmächtigen Wesens, das als Schöpfer und Herrscher des Universums dargestellt wird. Der Reiche spricht zu den Menschen, die ihn für den Tod und das Leid verantwortlich machen, und rechtfertigt seine Handlungen mit seiner grenzenlosen Fülle und Kreativität. Er betont, dass sein Reichtum so groß ist, dass er nicht einmal weiß, wie reich er ist, und dass er in der Lage ist, unendliche Mengen an materiellen und immateriellen Gütern zu erschaffen und zu zerstören, ohne dass ihm etwas fehlt. Der Reiche zeigt seine Macht, indem er beschreibt, wie er das Universum mit unzähligen Himmelskörpern und Welten füllt und wie er sie wieder zerstören und neu erschaffen kann. Er betont, dass er nicht an die Gesetze der Natur oder der Moral gebunden ist, sondern dass er frei ist, nach seinem Willen zu handeln. Er sieht den Tod und das Leiden der Menschen nicht als Tragödie, sondern als Teil des ewigen Kreislaufs von Werden und Vergehen, der ihm unendliche Freude und Befriedigung bereitet. Das Gedicht endet mit einer provokanten Aussage des Reichen, der den Menschen sagt, dass er sie verschwenden will und kann, weil er so reich ist. Er vergleicht die Menschen mit Keimen, Blüten und Früchten, die er nach Belieben anpflanzen und ernten kann. Er zeigt keine Reue oder Mitleid für das Leid, das er verursacht, sondern nur Stolz und Genuss an seiner eigenen Größe und Überlegenheit. Das Gedicht ist eine Kritik an der menschlichen Vorstellung von Gott als einem barmherzigen und gerechten Wesen, das sich um das Wohlergehen seiner Schöpfung kümmert. Stattdessen präsentiert es ein Bild von Gott als einem egoistischen und rücksichtslosen Tyrannen, der die Menschen als Spielzeug benutzt und missbraucht.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Wär't ihr geworden, Wär' ich so arm, So knickerig ängstlich, So wählend und zählend
Bildsprache
Ball über Ball hinaus, Billionen funkelnder Riesenjuwelen, Sonnenring an Sonnenring, Weltenrad um Weltenrad
Hyperbel
hunderttausend von euch begrub
Kontrast
Keime und Blüten und Früchte, Monde und Erden, Sonnen und Welten, Leiden und Freuden
Metapher
Gehirnmikroben auf eurem wirbelnden Sandkorn
Paradox
Doch ich bin reich - Darum wurdet auch ihr!
Personifikation
All', was da rings in Unendlichkeit Glühte und blitzte und rollte und kreiste
Wiederholung
Wissen wollt' ich, wie reich ich bin