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Der Reiche

Von

Ihr wollt mich lästern,
Ja lächerlich leugnen,
Gehirnmikroben
Auf euer’m wirbelnden Sandkorn,
Weil das alternd
Unter euch einbrach
Und hunderttausend
Von euch begrub?
Als hielte mich Anstand und Pflicht,
Nach eurer Art
Sorglich zu sparen
Mit dem, was mein ist!
Ihr Bettlerseelen!
Wisset ihr denn, wie reich ich bin?
Wär’t ihr geworden,
Ihr Traurigen alle,
Wär‘ ich so arm,
So knickerig ängstlich,
So wählend und zählend
vWie euresgleichen?
Doch ich bin reich –
Darum wurdet auch ihr!

So groß ist mein Reichtum,
Daß ich nicht weiß,
Wie reich ich bin.
Wissen wollt‘ ich’s!
Und warf, was mein ist,
Rings in den Raum –
Ball über Ball hinaus,
Billionen funkelnder Riesenjuwelen,
Sonnenring an Sonnenring,
Weltenrad um Weltenrad!
Doch keine Grenzen im Raum
Fand meine Habe.

Wissen wollt‘ ich, wie reich ich bin –
Und ich ließ nicht bestehen
All‘, was da rings in Unendlichkeit
Glühte und blitzte und rollte und kreiste!
Aber aus steter Vernichtung
Band es sich neu
In rettender Kraft
Und hob sich verjüngt
In neuer Form
Und regte sich weiter,
Und stirbt und ersteht
In Ewigkeit!

Meint denn ihr Einzelnen, Armen,
Es reue mich,
Daß ich euch enden lasse,
Wie ich euch schuf?
Soll ich nicht sehen und fühlen,
Wie reich ich bin?
Euch verschwenden will ich,
Euch verschwenden kann ich,
Keime und Blüten und Früchte,
Monde und Erden,
Sonnen und Welten,
Leiden und Freuden
Darf ich vergeuden –
Denn ich bin reich!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Der Reiche von Hanns von Gumppenberg

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Reiche“ von Hanns von Gumppenberg ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit dem Begriff des Reichtums, die weit über materielle Güter hinausgeht. Es beginnt mit einer direkten Ansprache an die „Lästermäuler“, die den Reichen verhöhnen und seinen vermeintlichen Reichtum anzweifeln. Der Reiche kontert diese Kritik, indem er seine grenzenlose Großzügigkeit und sein unendliches Potenzial zur Verschwendung betont. Er grenzt sich von der Kleinlichkeit und Sparsamkeit der „Bettlerseelen“ ab, indem er ihren Fokus auf materielle Werte als beschränkt und armselig brandmarkt.

Der Reichtum des Ich-Erzählers manifestiert sich in der Fähigkeit, unvorstellbare Mengen an Reichtümern in den Raum zu werfen. Dies gipfelt in der Vision einer unendlichen Weite, gefüllt mit „Billionen funkelnder Riesenjuwelen“, „Sonnenring an Sonnenring“ und „Weltenrad um Weltenrad“. Die unaufhörliche Bewegung und Erneuerung, „stirbt und ersteht in Ewigkeit“, zeugen von einer dynamischen, fast schon kosmischen Energie, die das Ich besitzt. Diese Unermesslichkeit des Reichtums wird durch die Unfähigkeit, Grenzen zu finden, noch verstärkt. Er ist nicht nur materiell, sondern auch existenziell, in der Lage, Schöpfung und Zerstörung, Leiden und Freude gleichermaßen zu umfassen.

Das Gedicht kulminiert in der Selbstvergewisserung des Reichen und seinem Verständnis von Reichtum. Er bedauert es nicht, das „Enden“ der Anderen zu befehlen, sondern sieht dies als Teil seines unaufhaltsamen Kreislaufs von Schöpfung und Zerstörung. Die abschließende Strophe, „Darf ich vergeuden – denn ich bin reich!“, unterstreicht die Freiheit des Reichen, seine Ressourcen zu verschwenden, zu teilen oder zu zerstören, da seine wahre Stärke nicht im Besitz, sondern im unendlichen Potenzial liegt.

Die wahre Botschaft des Gedichts liegt in der Umdeutung des Begriffs „Reichtum“. Er wird nicht an Besitz, sondern an der Macht der Schöpfung und Zerstörung gemessen. Der Reiche, der hier dargestellt wird, ist nicht nur ein Einzelner, sondern verkörpert die kreative Urkraft, die in der Lage ist, ständig neues Leben zu gebären und zu zerstören. Indem er diese Kraft besitzt, befreit er sich von den Zwängen der konventionellen Moralvorstellungen und der Begrenzungen der materiellen Welt. Das Gedicht stellt somit eine philosophische Reflexion über die Natur der Macht, die Freiheit des Geistes und die Unendlichkeit des Universums dar.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.