Der Rechte
1866Auf Kynast hauste klug Junggräfin Kunigunde; Es war ein scharfer Zug An ihrem schönen Munde.
Sie ließ verkünden weit Im blütenweißen Maien: “Gern wär’ ich wohl gefreit, Doch muß ein Held mich freien!
Muß furchtlos hoch zu Roß Auf schmaler Mauerzinne Umreiten dies mein Schloß - Dann wird ihm meine Minne!”
Wohl mancher Recke kam, Den Dank sich zu erwerben - Doch jeden Kecken nahm Der Abgrund ins Verderben.
Dem Fräulein war’s nicht leid Um all die schlimm Genarrten; Sie sprach: “Ich habe Zeit, Den Rechten abzuwarten!”
Da kam im Morgenlicht Ein Junker angeritten, Der wenig schien erpicht Auf heiße Minnesitten.
Gleichmütig sah er drein Nach Art der gröbsten Knappen, Ritt nicht voll Ehrfurcht ein, Hielt draußen auf dem Rappen,
Und rief zum Burgwart auf: “Hab allerlei vernommen Von einem Ritterhauf, Der hie zum Wettkampf kommen,
Zu einem Reiterstück, Das leicht den Hals kann kosten - Gern wagt’ auch ich mein Glück, Wie sonst bei einem Tjosten!
Doch hört’ ich noch nicht klar, Um welchen Preis man streitet - So sagt mir kurz und wahr, Was man bei euch erreitet?”
Der Wärtel gab Bescheid; Da rief der Fant verdrossen: “Verdammt! so ist mir leid, Daß ich um Narrenspossen
So weit geritten her! Ein Weib? Ich wag die Knochen Für alle Mannesehr’, Doch nicht für Zuckerwochen!
Die kann ich leichter han Bei manchem guten Kinde - Ade, Herr Kastellan, Ich reit’ in alle Winde!”
Und gab, noch als er sprach, Dem Rappen jäh die Sporen - Die Herrin sah ihm nach, In dunklen Gram verloren:
Dieweil es sie durchfuhr, Daß von den Freiern allen Ihr just der eine nur Ausnehmend wohlgefallen.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Rechte" von Hanns von Gumppenberg erzählt die Geschichte der Junggräfin Kunigunde, die auf Kynast wohnt und einen besonderen Preis für ihren Freier ausgesetzt hat. Sie fordert einen mutigen Ritter, der furchtlos auf schmaler Mauerzinne um ihr Schloss reitet, um ihre Liebe zu gewinnen. Viele tapfere Männer versuchen sich an dieser Herausforderung, doch die meisten stürzen in den Abgrund und kommen ums Leben. Die Gräfin lässt sich nicht beirren und wartet geduldig auf den Richtigen. Eines Tages erscheint ein Junker, der zunächst desinteressiert an der Sache zu sein scheint. Er erkundigt sich nach den genauen Bedingungen des Wettstreits und erfährt, dass der Preis die Hand der Gräfin ist. Doch der Junker zeigt sich enttäuscht und reitet wieder davon, da er nicht bereit ist, sein Leben für eine Frau zu riskieren. Die Gräfin ist enttäuscht, dass gerade derjenige, der ihr am besten gefallen hätte, die Herausforderung ablehnt. Sie bleibt allein zurück und versinkt in traurige Gedanken. Das Gedicht verdeutlicht die Schwierigkeit, den richtigen Partner zu finden, und die Enttäuschung, wenn die Hoffnung auf eine vielversprechende Begegnung enttäuscht wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- schmaler Mauerzinne
- Anapher
- Muß furchtlos hoch zu Roß Auf schmaler Mauerzinne Umreiten dies mein Schloß
- Enjambement
- Auf Kynast hauste klug Junggräfin Kunigunde
- Hyperbel
- Doch nicht für Zuckerwochen
- Ironie
- Ich reit' in alle Winde
- Kontrast
- Gleichmütig sah er drein Nach Art der gröbsten Knappen
- Metapher
- Die kann ich leichter han Bei manchem guten Kinde
- Personifikation
- Der Abgrund ins Verderben
- Reimschema
- Maien - freien - Schloß - Minne
- Symbolik
- blütenweißen Maien