Der rechte Barbier
1833Und soll ich nach Philisterart Mir Kinn und Wange putzen, So will ich meinen langen Bart Den letzten Tag noch nutzen; Ja! Ärgerlich, wie ich nun bin, Vor meinem Groll, vor meinem Kinn, Soll mancher noch erzittern.
Hola! Herr Wirt, mein Pferd! macht fort! Ihm wird der Hafer frommen. Habt ihr Barbierer hier im Ort? Laßt gleich den rechten kommen. Waldaus, waldein, verfluchtes Land! Ich ritt die Kreuz und Quer und fand Doch nirgends noch den rechten.
Tritt her, Bartputzer, aufgeschaut! Du sollst den Bart mir kratzen; Doch kitzlich sehr ist meine Haut, Ich biete hundert Batzen; Nur, machst du nicht die Sache gut, Und fließt ein einzges Tröpflein Blut, - Fährt dir mein Dolch ins Herze.
Das spitze, kalte Eisen sah Man auf dem Tische blitzen, Und dem verwünschten Ding gar nah Auf seinem Schemmel sitzen Den grimmgen, schwarzbehaarten Mann Im schwarzen, kurzen Wams, woran Noch schwärzre Troddeln hingen.
Dem Meister wirds zu grausig fast, Er will die Messer wetzen, Er sieht den Dolch, er sieht den Gast, Es packt ihn das Entsetzen; Er zittert wie das Espenlaub, Er macht sich plötzlich aus dem Staub Und sendet den Gesellen.
Ein Hundert Batzen mein Gebot, Falls du die Kunst besitzest; Doch, merk es dir, dich stech ich tot, So du die Haut mir ritzest. Und der Gesell: Den Teufel auch! Das ist des Landes nicht der Brauch. Er läuft und schickt den Jungen.
Bist du der rechte, kleiner Molch? Frisch auf! fang an zu schaben; Hier ist das Geld, hier ist der Dolch, Das beides ist zu haben; Und schneidest, ritzest du mich bloß, So geb ich dir den Gnadenstoß; Du wärest nicht der erste.
Der Junge denkt der Batzen, druckst Nicht lang und ruft verwegen: Nur still gesessen! nicht gemuckst! Gott geb Euch seinen Segen! Er seift ihn ein ganz unverdutzt, Er wetzt, er stutzt, er kratzt, er putzt: Gottlob! nun seid Ihr fertig.
Nimm, kleiner Knirps, dein Geld nur hin; Du bist ein wahrer Teufel! Kein andrer mochte den Gewinn, Du hegtest keinen Zweifel, Es kam das Zittern dich nicht an, Und wenn ein Tröpflein Blutes rann, So stach ich doch dich nieder.
Ei! guter Herr, so stand es nicht, Ich hielt Euch an der Kehle, Verzucktet Ihr nur das Gesicht Und ging der Schnitt mir fehle, So ließ ich Euch dazu nicht Zeit, Entschlossen war ich und bereit Die Kehl Euch abzuschneiden. -
So so! ein ganz verwünschter Spaß! Dem Herrn wards unbehäglich, Er wurd auf einmal leichenblaß Und zitterte nachträglich: So so! das hatt ich nicht bedacht, Doch hat es Gott noch gut gemacht; Ich wills mir aber merken.
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Interpretation
Das Gedicht "Der rechte Barbier" von Adelbert von Chamisso handelt von einem Mann, der nach einem rechten Barbier sucht, um sich den Bart scheren zu lassen. Der Mann ist sehr ängstlich und droht jedem Barbier, der ihm nicht perfekt den Bart schert, mit dem Tod. Er bietet hohe Summen Geld, aber auch eine Dolchdrohung an. Die Handlung spielt sich in einem Gasthaus ab, wo der Mann nach einem Barbier fragt. Zuerst kommt ein Barbiere, der zu ängstlich ist und flieht. Dann schickt er einen Gesellen, der ebenfalls ablehnt. Schließlich kommt ein junger Bursche, der sich nicht einschüchtern lässt und dem Mann den Bart perfekt schert. Am Ende stellt sich heraus, dass der junge Barbiere ebenfalls eine Drohung ausgesprochen hatte - er hätte dem Mann die Kehle durchgeschnitten, wenn er auch nur gezuckt wäre. Der Mann ist beeindruckt von der Furchtlosigkeit des Jungen und zieht weiter, wobei er sich vornimmt, sich diese Erfahrung zu merken.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Tritt her, Bartputzer, aufgeschaut!
- Bildliche Sprache
- Das spitze, kalte Eisen sah man auf dem Tische blitzen
- Hyperbel
- Ich biete hundert Batzen
- Ironie
- So so! ein ganz verwünschter Spaß!
- Metapher
- Er zittert wie das Espenlaub
- Personifikation
- Das beides ist zu haben
- Reimschema
- AABB
- Wiederholung
- Doch kitzlich sehr ist meine Haut
- Zitat
- Nicht lang und ruft verwegen: Nur still gesessen! nicht gemuckt!
- Zweideutigkeit
- Er seift ihn ein ganz unverdutzt
- Zwiespältigkeit
- Ich hielt Euch an der Kehle