Der Rebensproß

Johann Heinrich Voß

1802

Fruchtschwer an Lesbos’ sonnigen Höhn erwuchs Ein hehrer Weinstock, welcher Ambrosia, Voll Hochgefühls und Hochgesanges, Zeitigte, durch Dionysos Obhut, Der rohen Tiersinn zähmte zu Menschlichkeit. Anstaunenswürdig, mitten im Tempelhain, Dichtlaubig, schwer von reifem Purpur, Stand der ambrosische Lebensweinbaum.

Hier trank Arion schmelzenden Zauberhall, Mit Nymph und Satyr schwärmend im Hain; es trank Sturmlauten Freiheitsschwung Alkäos, Brautmelodien die entzückte Sappho.

Zwar ach! verhallt sind ihre Gesäng in Nacht: Doch weht in Flaccus lebende Harmonie Nachhall; und sanft um tote Rollen Tönt in den Schlacken Vesuvs ihr Lispel.

Mir trug Lyäos, mir der begeisternden Weinrebe Sprößling; als, dem Verstürmten gleich Auf ödem Eiland, ich mit Sehnsucht Wandte den Blick zur Hellenenheimat.

Schamhaft erglühend, nahm ich den heiligen Rebschoß, und hegt’ ihn, nahe dem Nordgestirn, Abwehrend Luft und Ungeschlachtheit, Unter dem Glas in erkargter Sonne.

Vom Trieb der Gottheit, siehe, beschleuniget, Stieg Rankenwaldung übergewölbt, mich bald Mit Blüte, bald mit grünem Herling, Bald mit geröteter Traub umschwebend.

Im süßen Anhauch träum ich, der Zeit entflohn, Wettkampf mit altertümlichem Hochgesang. Wer lauter ist, der koste freundlich, Ob die Ambrosiafrucht gereift sei.

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Illustration zu Der Rebensproß

Interpretation

Das Gedicht "Der Rebensproß" von Johann Heinrich Voss beschreibt die Entstehung und die kulturelle Bedeutung eines Weinstocks auf der Insel Lesbos. Der Rebstock, durch die Obhut des Dionysos gezähmt und veredelt, trägt Früchte, die als Ambrosia bezeichnet werden und mit Hochgefühlen und Gesang verbunden sind. Der Weinbaum steht im Tempelhain, ein Symbol für die Verbindung von Natur und Kultur. Das Gedicht erwähnt berühmte Persönlichkeiten wie Arion, Alkäos und Sappho, die den Wein genossen und inspiriert wurden. Es betont die vergängliche Natur der Gesänge, aber auch die Fortdauer der Harmonie in den Werken von Flaccus und den Schriften aus dem Vesuv. Der Sprecher des Gedichts, der sich selbst als Lyäos bezeichnet, erhält einen Sprössling der begeisternden Weinrebe. Er vergleicht sich mit einem Verstürmten auf einer öden Insel, der mit Sehnsucht den Blick zur Heimat der Hellenen wendet. Der Sprecher nimmt den heiligen Rebschoß schamhaft und pflegt ihn unter Glas, fernab vom Nordgestirn, um ihn vor der rauen Luft und Ungeschlachtheit zu schützen. Der Trieb der Gottheit beschleunigt das Wachstum des Rankenwaldes, der den Sprecher mit Blüten, grünem Herling und geröteten Trauben umgibt. Im süßen Anhauch des Weinstocks träumt der Sprecher davon, dem Wettkampf mit altertümlichem Hochgesang zu entfliehen. Er lädt den Leser ein, freundlich zu kosten und zu prüfen, ob die Ambrosiafrucht gereift ist. Das Gedicht vermittelt die Idee, dass der Wein nicht nur ein Genussmittel ist, sondern auch eine Quelle der Inspiration und der Verbindung zur antiken Kultur. Es betont die Bedeutung der Pflege und des Schutzes des Weinstocks, um seine volle Pracht und seinen Geschmack zu entfalten.

Schlüsselwörter

bald trank fruchtschwer lesbos sonnigen höhn erwuchs hehrer

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Stilmittel

Alliteration
Sturmlauten Freiheitsschwung Alkäos
Bildsprache
Stieg Rankenwaldung übergewölbt, mich bald Mit Blüte, bald mit grünem Herling, Bald mit geröteter Traub umschwebend
Hyperbel
Vom Trieb der Gottheit, siehe, beschleuniget
Kontrast
Abwehrend Luft und Ungeschlachtheit
Metapher
Ein hehrer Weinstock, welcher Ambrosia, Voll Hochgefühls und Hochgesanges, Zeitigte
Personifikation
Der rohen Tiersinn zähmte zu Menschlichkeit
Symbolik
Ambrosischer Lebensweinbaum